Die Epoche der Osmanen (1517-1917)


Am 24. August 1516 vernichtete der osmanische Sultan Selim I das Heer der Mameluken in der Schlacht von Mardsch Dabiq (im Norden Syriens). Dieser Sieg ermöglichte den Türken schon ab 1517 ihre Herrschaft über den ganzen Nahen Osten, einschließlich Palästinas, auszudehnen. 

Selim I.


  Die osmanische Epoche zeichnet sich gegenüber der Epoche der Mameluken durch eine größere Stabilität und Sicherheit in Palästina aus. So ist die Reise durch das Heilige Land in dieser Zeit mit weniger Risiken verbunden. Die Schifffahrt zwischen Italien, Griechenland und dem Heiligen Land erwacht zu neuem Leben. Außerdem führen die Osmanen das Millet-System ein, das die Selbstständigkeit der verschiedenen konfessionellen Gemeinden anerkennt und schützt, so kommt es zu einem ökonomischen Aufschwung des Heiligen Landes. Das alles lässt den Pilgerstrom aus Europa und das wissenschaftliche Interesse am Heiligen Land anwachsen.                                                                                                                                 

  Während dieser Epoche beginnen die Pilger, die zwischen Jaffa und Jerusalem reisen, wieder die Süd-Route über Ramla, Latrun und Abu Gosch zu nehmen. Der Weg nach Jerusalem wird von der Sippe von Abu-Gosch kontrolliert, die von den Reisenden eine Maut (Kafar) einhebt.

  Die Reiseführer dieser Zeit geben oft den Orten, an die sie die Pilger begleiten, eine biblische Bedeutung, die nicht mit der historischen Wahrheit übereinstimmt. Die Festung von Toron (in Arabisch: Latrun oder Latron, das dem lateinischen „latro, latronis“ (Schächer) ähnlich ist) wird so zum Geburtsort des Guten Schächers (Lk 23, 32-43). Die mittelalterliche Überlieferung, welche die Gräber der Makkabäer in Latrun ansiedelte (siehe: Epochen der Kreuzfahrer und der Mameluken) wird auch beibehalten, manchmal wird sie aber auf die Kirche (oder Moschee) nördlich von Latrun, in Emmaus, übertragen. Gleichzeitig verändert sich diese Überlieferung, und statt der Gräber Judas‘ des Makkabäers und seiner Brüder, beginnt man hier die Gräber der sieben Brüder, der Märtyrer von Antiochien zur Zeit der Makkabäer (2 Makk 6, 18 - 7, 42) zu verehren. 

  Die Führer zeigen den Pilgern die Gräber von Judas dem Makkabäer und seinen Brüder auch in Zuba, das sie für Modein halten. Qaryat al-ʿInab (Abu Gosch) wird zu Anatot, der Heimat des Propheten Jeremias, während die Erinnerung an die Erscheinung Jesu in Emmaus nun endgültig nach El Qubeibe verlagert wird. Im 16. Jh., nach der Vertreibung der Franziskaner vom Abendmahlssaal durch die Türken, wird die jährliche Wallfahrt in Erinnerung an die Einsetzung der heiligen Eucharistie hierher übertragen (Siehe: A. Bassi, „Emaus, città della Palestina“, Turin, 1884, Seite 84).

  

Das erste Zeugnis, welches Latrun mit dem Guten Schächer des Evangeliums verbindet, kommt uns von dem französischen Reisenden Denis Possot zu, der 1532 ins Heiligen Land kam:


  … Montag, den ersten Tag des Juli, verbrachten wir in Rama (Ramla) … Am Dienstag, den 11. Juli … um 9h morgens, bestiegen wir unsere Esel, um in die Heilige Stadt Jerusalem zu reiten … Wir ritten eine Strecke von 10 Meilen guten Weges bis zur Burg  vom Guten Schächer, die auf dem ersten Hügel der Wüste steht; und sie ist groß, liegt aber in Ruinen; ihre Erscheinung ist noch immer großartig, und sie befindet sich ungefähr 10 Meilen von Ramla entfernt … (Le voyage de la Terre Sainte composé par maître Denis Possot, publié par Ch. Schefer, Paris, 1890, S. 161, unsere Übersetzung).

Ramla während der Epoche der Osmanen



  Der Franziskaner Bonifaz von Ragusa, Kustode des Heiligen Landes, (auch unter dem Namen Bonifacius Stephanus, Bischof von Ston (Stagno) bekannt) schreibt um das Jahr 1555 in sein Pilgerhandbuch:


Von Ramula oder Arimathea (Ramla) aus wenden sich die Pilger, unter einer starken Eskorte von Arabern und Türken, nach Osten, Richtung Jerusalem. Auf dem Weg treffen sie auf folgende Orte: zu allererst auf der rechten Seite, eine Burg, in der sich eine große Kirche befindet. Diese Burg heißt die Burg vom Guten Schächer, der zur rechten Seite Christi (ans Kreuz) gehängt wurde, und ihn darum bat, an seinem Reich Anteil haben zu dürfen. … Kommst du also in Sichtweite des Ortes, woher dieser gute Bekenner kam, vertrau dich ihm an, ohne von deinem Pferd, deinem Esel oder deinem Maultier abzusteigen, denn es ist nicht ohne Gefahr für dich, vom Pferd abzusteigen und die Kirche zu betreten, um zu beten … Zur Linken, einen Pfeilflug entfernt, befindet sich der Ort mit einer Kirche, bei der viele Pilger auf dem Weg nach Jerusalem sich an einem Brunnen mit lebendigem Wasser ausruhen, denn dort gibt es viele Oliven und Feigenbäume. (Dieser Ort und die Kirche) heißen „Die Makkabäer“, denn dort wurden diese geboren und nach ihrem Triumph begraben. O, frommer Pilger, du kannst frei in diese Kirche eintreten, um dort Gott anzubeten und die heiligen Märtyrer zu grüßen … (Bonifacius Stephanus Ragusinus„Liber de perenni cultu Terrae Sanctae et de fructuosa eius peregrinatione“, Venetiis, 1875, S. 99-100, unsere Übersetzung).

 

 Die Entfernung „von einem Pfeilflug“ entsprach ungefähr zweihundert Schritten oder einer Stadie (Siehe unten, die Texte von Bruder Francesco Quaresmi und von Pater Naud). So war also die Kirche der Makkabäer, die „einen Pfeilflug entfernt“ von der Straße nach Jerusalem angegeben wird, keine andere als die Kreuzfahrerkirche von Emmaus (Siehe: Vincent & Abel, „Emmaus, sa basilique, son histoire“, Paris 1932, S. 377). 

 Das Werk des Bonifaz von Ragusa übte einen großen Einfluss auf die späteren Pilger aus und bestimmte für eine lange Zeit die Deutung, die den Bauten von Latrun und von Amwas gegeben wurde.

 

  So schreibt der Pilger Jean Zuallart aus der Stadt Ath in Wallonien im 16. Jh. in seinem Reisebericht:

  Nachdem wir unsere Esel bestiegen hatten, brachen wir aus besagtem Ramla am vorletzten Samstag des besagten Monats August im besagten Jahr 1586, zwei oder drei Stunden vor der Morgendämmerung auf… Wir setzten unseren Weg fort und sahen bei Tagesanbruch zur linken Hand, ein wenig unter dem Weg, eine kleine, in eine Moschee umgewandelte Kirche in einem kleinen, schönen und mit Oliven bepflanzten Tal. Nach dem Bericht von Bruder Bonifacius Stephani, dem Bischof von Stagno, war diese ehemals den sieben Makkabäer-Brüdern geweiht, die mit ihrer guten Mutter durch den grausamen Antiochus, König von Syrien, genannt Epiphanes, grausam gemartert worden waren … Man sagt, einer Überlieferung folgend, dass diese sieben Makkabäer-Brüder aus diesem Ort stammten, und auch da begraben wurden. Ein gewisser Minderbruder, der diese Wallfahrt schon vorher gemacht hatte, zeigte uns diese Kirche im Vorbeireiten und forderte uns auf, sie mit einem Gebet zu grüßen. Er zeigte uns auch einen anderen Ort, diesmal zur rechten Hand und fast gegenüber auf einem Hügel gelegen, von dem er uns sagte, da hätte ehemals die Kirche des Guten Schächers gestanden, an die ein großes, schönes und befestigtes Kloster auf Befehl der heiligen Helena (der Mutter des Kaisers Konstantin des Großen) angeschlossen worden war, zu Ehren des Guten Schächers, der zur Rechten des Erlösers gekreuzigt und aufgehängt worden war und der durch seinen Glauben (nach dem hl. Lukas) den Nachlass seiner Sünden und das Versprechen erhalten hatte, noch am selben Tag mit ihm im Paradies zu sein. Jener Schächer hieß Dismas, und stammte aus diesem Ort, der deshalb Castello de buon ladro genannt wurde. .. Er liegt von Ramma (Ramla) ungefähr zehn Meilen entfernt …. („Le tres devot voyage de Ierusalem, faict et descript par Iean Zuallart,Anvers, 1608, Buch 3, Kapitel 4, S. 15-16, unsere Übersetzung).  Jean Zuallart ist der erste, der die Umwandlung der Kirche von Amwas in eine Moschee erwähnt.


Illustration von Latrun aus dem Buch von Jean Zuallart (1608).

A - Burg des Guten Schächers

B-  Reitende Araber

C- Der Brunnen des Hl. Hiob (Deir Ajub)

D- Getrenntes  Gebäude

E- Pilger auf dem Weg

F - Die Kirche der Sieben Brüder der Makkabäer














Im Oktober 1598 besucht der holländische Reisende Jan van Cootwijk (Johannes Cotovicus) Latrun und hinterlässt einen Bericht, der dem von Bonifaz von Ragusa und Jean Zuallart ähnlich ist:

… Bei dem zehnten Meilenstein von der Stadt (Ramla), bestiegen wir einen mit vielen Oliven- und Feigenbäumen bepflanzten Hügel, auf dessen Gipfel wir eine sehr alte, zerstörte und unbewohnte Burg zu unserer Rechten liegen ließen. Sie wird gemeinhin die Burg vom Guten Schächer Dismas genannt, denn man glaubt, er sei an diesem Ort geboren. In der Vergangenheit war dies ein großartiges Heiligtum, dessen zahlreiche Überreste und weitläufige Ruinen bis heute vorhanden sind; es wird noch immer von katholischen Christen verehrt. Die Pilger grüßen dieses von weitem und beten Christus an, der den Räuber an sich gezogen hat, und sie bitten Christus demütig darum, dass er auch sie an sich ziehen möge, und auch wir machten dieses Gebet. Dafür gibt es einen Ablass von sieben Jahren, den der Heilige Vater gewährt. Links, einen Steinwurf entfernt, befindet sich eine türkische Moschee, die ehemals von Christen den sieben heiligen Märtyrern der Makkabäer geweiht war (man glaubt, dass ihre Leichen an diesem Ort begraben sind); daneben befindet sich eine Quelle von hervorragendem Wasser. (Cotovicus, Itinerarium Hierosolymitanum“, Antverpiae, 1619, S. 143, unsere Übersetzung).

Der Ablass, der für das Gebet in Latrun gewährt wurde, und von dem Cootwijk spricht, wird schon Mitte des 14. Jh. durch Bruder Niccolò de Poggibonsi erwähnt (Siehe oben, Epoche der Mameluken).

 

Bruder Francesco Quaresmi (Franciscus Quaresmius), der Kustode des Heiligen Landes in den Jahren 1616-1618, übt in seinem bibelgeschichtlichen und archäologischen Werk, „Historica, theologica et moralis Terrae Sanctae elucidatio“, eine sachkundige Kritik am Buch des Bonifaz von Ragusa:

   Die Pilger, die sich nach Jerusalem begeben, nachdem sie die Nacht in Rama (Ramla) verbracht haben, wenden ihre Schritte nach Osten, der Heiligen Stadt zu. Rama liegt von Jerusalem ungefähr dreißig Meilen entfernt; mit Ausnahme der schönen, weiten und fruchtbaren Ebene von Rama, die acht oder zehn Meilen lang ist, wird der Rest des Weges recht schwierig und führt fast immer über Berge und Hügel. Etwa zehn Meilen (von Ramla), kann man zur Rechten des Weges, ungefähr eine halbe Meile von ihm entfernt, eine ziemlich verfallene Burg auf einem Hügel sehen, in der ehemals eine große Kirche stand, die heute fast ganz zerstört ist. Hier nennt man sie im Allgemeinen „die Burg des Guten Schächers“, welcher Name auf den Räuber zurückgeht, der, als er neben Christus am Kreuz hing, diesem sagte: „Herr, Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23, 42) und der die Antwort zu hören verdiente: „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Vers 43). Es ist jedoch nicht sicher, aus welchem Grund (dieser Ort) so genannt wird, sei es, weil der Räuber hier geboren worden war, oder aus einem anderen Grund. Bonifaz (von Ragusa) folgt einer Überlieferung, indem er vorgibt, dass die Kirche, deren Ruinen noch heute sichtbar sind, zu Ehren des Guten Schächers gebaut worden sei, (denn dieser stammte von hier).

  Der Meinung anderer zufolge jedoch wurde der Räuber nicht hier geboren sondern in Ägypten … Wir lassen diese Frage als zweifelhaft stehen, und sagen einzig und allein das, was sicher ist, nämlich zu wissen, dass es an diesem Ort eine Kirche gab, die von frommen Gläubigen, aus Verehrung für jenen Heiligen, errichtet wurde.

  Neben der Burg des Guten Schächers, ungefähr zweihundert Schritt links von dem Weg, befindet sich der Ort und die Kirche, die Makkabäer oder die der Makkabäer benannt wird. Wir versuchen den Grund dieser Namensgebung zu begreifen. In seiner Beschreibung der Wallfahrt von Jaffa nach Jerusalem schreibt Bonifaz wie folgt: „Zur Linken, einen Pfeilflug entfernt, befindet sich der Ort mit einer Kirche, bei der viele Pilger auf dem Weg nach Jerusalem sich an einem Brunnen mit lebendigem Wasser ausruhen, denn dort gibt es viele Oliven und Feigenbäume. (Dieser Ort und die Kirche) heißen „Die Makkabäer“, denn dort wurden diese geboren und nach ihrem Triumph begraben…“

  In dieser Aussage, gründet Bonifaz sich, so glaubt man, auf lokale Überlieferungen, die er sehr gut kannte, und bezieht sich auf sieben Märtyrer Brüder, denn außer diesen Brüdern verehrt die Kirche keine anderen Makkabäer als Märtyrer. In den Worten des Autors bemerke ich zwei Dinge, die ich nicht der Wahrheit entsprechend finde. Erstens, dass die Makkabäer-Brüder an diesem Ort geboren, und zweitens, dass ihre Leichen, nach dem Martyrium hier begraben worden seien. Was die erste Sache betrifft, haben die sieben Makkabäer-Brüder das Licht der Welt nicht hier erblickt, aber in dem Dorf von Sousandrum (d. i. Schefar’am, Anmerkung des Übers.), wie es Joseph der Hebräer in seiner Abhandlung „ Von der Herrschaft der Vernunft oder die Makkabäer“ behauptet: „Die sieben Makkabäer- Brüder aus dem Dorf Sousandrum in Judäa … wurden mit ihrer Mutter, genannt Salomona, zur Zeit des Antiochus Epiphanes nach Antiochien abgeführt.“ …

  In Bezug auf die zweite Behauptung des Bonifaz, dass das Martyrium der Makkabäer an diesem Ort stattgefunden hätte, ist diese eindeutig falsch … Die heiligen Makkabäer erlitten das Martyrium nicht an diesem Ort und wurden auch nicht hier begraben, wie Bonifaz es sagt, sondern in Antiochien …

  Sagte man uns, diese Makkabäer-Helden seien in der Stadt von Modein geboren und dort auch begraben worden, würde man dem entgegensetzen, dass es sich hier nicht um die Makkabäer- Märtyrer dreht, sondern um andere Makkabäer, die nach diesen gelebt hätten und ihnen durch Tugend und Mut im Kampf für den Herrn gefolgt seien, und deshalb mit dem Namen „Makkabäer“ bezeichnet würden, was „Kämpfer“ bedeutet“ …

  Ich glaube, daher, dass der Ort seinen Namen von der Kirche erhielt, die von frommen Gläubigen hier zu Ehren der Makkabäer-Märtyrer erbaut wurde, und die heutzutage in eine türkische Moschee umgewandelt worden ist. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass diese Kirche im Gedenken an eine große Anzahl von Makkabäer Soldaten, die hier durch die Hand der Feinde getötet worden sind (1 Makk. 5,12), gebaut wurde … (Franciscus Quaresmius, „Historica, theologica et moralis terrae sanctae elucidatio“; Antverpae, 1639, Bd. 2, Kapitel 5-6, S. 12-14, unsere Übersetzung).

 

Der französischer Ordensmann Eugène Roger, der seine Wallfahrt 1632 macht, siedelt den Geburtsort der sieben Makkabäer-Märtyrer, so wie Quaresmi, in Sesambre – Schefar’am an (Siehe: Eugène Roger, „La Terre Sainte“, Paris, 1646, S. 46-47, Vincent & Abel, op. cit, S. 377, Anmerkung 1). Sein Bericht erwähnt die Kirche von Amwas allerdings nicht:

Drei Leugen von Anatot (Abu-Gosch) und sechs von Jerusalem, gegen Westen, auf dem Weg, der nach Jaffa führt, gibt es ein Dorf, das hundert Schritte vom Weg, gegen Süden, auf einem kleinen Hügel liegt. Dort sieht man die gesamte Einfriedung einer Kirche, von der noch ein wenig des Gewölbes in ihrem Schiff erhalten ist. Darunter hausen einige Mauren, die Untertanen des Paschas von Gaza sind, und die alle Christen oder Juden, die durchziehen, zwei Stück von zwanzig Sous bezahlen lassen. Man glaubt, dass diese Kirche gerade auf dem Ort des Hauses von Dismas, dem Guten Schächer steht, der mit unserem Herrn gekreuzigt worden ist. Die Orientalen nennen diesen Ort Ladron, ein Name, der ihm von den Italienern gegeben wurde. (Eugène Roger, „La Terre Sainte“, Paris, 1646, S. 153, unsere Übersetzung).

Der französische Pilger Jean Doubdan, der das Heilige Land im Jahr 1652 besuchte, erwähnt seinen Besuch von Latrun, wie zuvor Eugène Roger, ohne von der Kirche der Makkabäer zu sprechen (Jean Doubdan, „Le voyage de la Terre sainte“; Paris, 1666, S. 39-40). Sein Zeitgenosse und Landsmann, der Franziskaner Jacques Goujon äußert in Bezug auf diese Kirche dieselben Zweifel wie Quaresmi (Siehe: Jacques Goujon, „Histoire et voyage de la Terre Sainte“; Lyon, 1670, S. 109-111).

 

Im Jahre 1674 kam der Jesuitenpater Michel Naud im Gefolge des französischen Botschafters im Heiligen Land an. Er ist der erste der modernen Reisenden, der das Dorf von Amwas im Tal Ajalon erwähnt und die Tatsache bezeugt, dass dieser Ort von den einheimischen Christen immer als das Emmaus des Evangeliums verehrt worden ist:

  Wir verließen Rame (Ramla) am Donnerstag vor dem Palmsonntag … Gute drei Leugen von Ramla entfernt, trafen wir auf ein Dorf namens Amwas und auf einem benachbarten Feld auf eine verlassene Kirche, die noch recht gut erhalten war. Einige einheimische Christen glauben, dass dies Emmaus und, dass diese Kirche der Ort sei, wo die zwei Jünger den Heiland, am Tag seiner Auferstehung, in der Gestalt eines unbekannten Pilgers antrafen und ihn am Brechen des Brotes erkannten. Was sie zu diesem Irrtum führt, ist die Tatsache, dass, wenn sie das Evangelium auf Arabisch lesen hören, wo Emmaus als Amwas übersetzt wird und sie sehen, dass dieses Dorf so benannt wird, glauben, dass dieses der wirkliche Ort sei. Aber, wenn man hört, dass in demselben Evangelium steht, dass der Ort, an dem Unser Herr mit seinen beiden Jüngern anhielt, von Jerusalem nicht weiter als ungefähr sechzig Stadien entfernt ist, die man in mindestens vier Stunden zurücklegen kann, sollte ihnen das die Augen öffnen. Es ist wahr, dass, weil sie weder wissen, was eine Stadie, noch was eine Galwe ( غلوة) ist, was die Entfernung eines Pfeilflugs bedeutet, wodurch der Araber erklärt, was wir unter einer Stadie verstehen, man ihre Unwissenheit entschuldigen kann. In Wahrheit war diese Kirche den heiligen Makkabäern geweiht, die von allen Heiligen des Alten Testaments fast die einzigen sind, denen in der lateinischen Kirche ein Kult zukommt … Der Heilige Stuhl erlaubte sogar den Franziskanerpriestern, die im Heiligen Land so würdig dienen, in demselben Orient die Messe zu deren Ehren zu feiern. Ich weiß weder, wer der Gründer dieser Kirche ist, noch mit welcher Absicht sie zu Ehren dieser heiligen Märtyrer geweiht wurde. Sie waren eifrige Verteidiger der Ehre Gottes im Heiligen Land, und vielleicht wollte man sie vor allem den Kreuzfahrerchristen und Pilgern vor Augen führen, um sie durch ein so schönes Beispiel zu anzuregen, und sie mit einer brennenden Sehnsucht zu begeistern, für die Sache des Glaubens weder an Blut noch Leben zu sparen. Die Einwohner Amwas versammelten sich dort in großer Anzahl und murrten mit lauter Stimme, weil sie die Christen auf ihren Ländereien mit solchen Ehren kommen sahen. Als sie gewahr wurden, dass wir dieser Kirche gegenüber Achtung zeigten, und dort einige Gebete sprachen, schmerzte es mich zu hören, dass sie sich miteinander verschworen, um diese am selben Tag zu entweihen, indem sie dort ihr Vieh lagern ließen.

Vier oder fünfhundert Schritte von dort nach rechts befindet sich das Dorf vom Guten Schächer, welches die Araber selbst Latrun nennen, ein Wort, das sie von den Lateinern erhalten und beibehalten haben. Es war eine kleine, befestigte Stadt, vorteilhaft auf dem Gipfel eines recht steilen Berges gelegen. Man sieht dort noch immer eine Kirche, die hoch und von großartiger Erscheinung ist, und dem heiligen Schächer gewidmet. Sie wurde jedoch von den Ungläubigen beschädigt und verfällt zu einer Ruine … In diesem Dorf finden wir ausgehungerte Araber, die von den Pilgern eine Maut, die Gafar heißt, eintreiben… („Voyage nouveau de la Terre-Sainte par le R.P. Naud, de la Compagnie de Jésus “, Paris, 1702, Buch I, Kapitel VIII, S. 45-48, unsere Übersetzung).




Jesus in Emmaus (aus einem arabischen Manuskript von 1684)
 







Einige Jahre später erwähnt der holländische Maler und Reisende Cornelis de Bruyn (de Bruijn), nahe von Latrun „eine Kirche in Ruinen, wo es sehr gutes Wasser gibt“ (Corneille Le Brun, „Voyage au Levant“; Paris, 1714, S. 258).


Cornelis de Bruyn





  Am 28. Jänner 1688 wird durch die Bulle „Unigeniti Filii Dei“ von Papst Innozenz XI zum ersten Mal ein Ablass von sieben Jahren und sieben Mal vierzig Tagen“ an das Gebet in der Kirche der heiligen Makkabäer zwischen Jaffa und Jerusalem gebunden. Ähnliche Ablässe wurden durch dieselbe Bulle vielen anderen heiligen Orten Palästinas zuteil. 1819 bestätigt Papst Pius VII. diese Ablässe (Siehe: Zeitschrift „La Terre Sainte“, Nr. 77, am 15. September 1873, SS. 818 und 822).

 


  Die Wiederentdeckung von Emmaus-Nikopolis beginnt im Jahr 1714, mit der Veröffentlichung einer Untersuchung der Geographie Palästinas „Palaestina ex monumentis veteribus illustrata“ von Hadrian Reland, einem holländischen Gelehrten. Diese stützt sich sowohl auf römische, byzantinische und jüdische Quellen, als auch auf Aussagen der zeitgenössischen Reisenden und Augenzeugen. Reland ist der erste moderne Forscher, der den mehrere Jahrhunderte alten Irrtum korrigiert, welcher Emmaus-Nikopolis nach Abu Gosch oder El Qubeibe verlegte (siehe oben, die Epoche der Kreuzfahrer und die der Mameluken). Reland siedelt Emmaus-Nikopolis an seinem richtigen Platz im Tal Ajalon an, stellt sich jedoch der Gleichsetzung von Nikopolis mit dem Emmaus des Evangeliums entgegen. Er stellt die These der Existenz von zwei verschiedenen Orten namens Emmaus in der Region von Jerusalem auf: einerseits das Emmaus im Bergland, welches im Evangelium des Lukas in einer Entfernung von 60 Stadien (ca. 7 Meilen, 12 km) von Jerusalem erwähnt wird und andererseits das Emmaus der Ebene, ebenso unter dem Namen von Nikopolis bekannt, welches sich ca. 10 Meilen (ca. 18 km) östlich von Ramla befindet und das in 1. Buch der Makkabäer erwähnt wird.

Diese Theorie hat viele spätere Forscher bis in unsere Zeit beeinflusst:


  Die Frage von Emmaus ist sehr schwierig. Wenn sich Emmaus nur 60 Stadien von Jerusalem entfernt befindet, wie kann man dann sagen, es sei in der Ebene gelegen (1 Makk 3,40)? Die Ebene befindet sich von Jerusalem weiter nach Westen. Die Reisebeschreibungen der Pilger und die Berichte der Augenzeugen stimmen in dieser Sache miteinander überein. Ungefähr zehn römische Meilen von der Stadt Ramla, durch die der Weg von Jaffa nach Jerusalem führt, verlassen die Reisenden die Ebene, erklimmen die Berge und folgen dem Weg durch das Gebirge, bis sie Jerusalem erreichen. Das ist wohlbekannt und nicht zu leugnen … Noch dazu gibt es bezüglich Emmaus, später Nikopolis genannt, viele Zeugnisse. Nikopolis ist jedoch von Jerusalem 22 Meilen entfernt, das heißt 176 Stadien, wie es im alten Itinerar von Jerusalem geschrieben steht (d.h.: bei dem anonymen Pilger aus Bordeaux – Anmerkung des Übers.). Wie sehr unterscheidet sich doch diese Distanz von derjenigen von 60 Stadien! Noch dazu ist es erstaunlich, dass man in den alten Texten über Nikopolis, ohne es zu bemerken, viele Dinge erzählt, die nicht zu dem, von Lukas erwähnten, Emmaus passen. 

  Ich werde das Problem in wenigen Worten erklären. Ich möchte es klarstellen, dass das von Lukas erwähnte Emmaus und das Nikopolis genannte Emmaus zwei sehr verschiedene und voneinander weit entfernte Orte sind. Erstens war das von Lukas erwähnte Emmaus ein Dorf (κώμη), von Jerusalem ungefähr 60 Stadien entfernt … Emmaus aber, das auch Nikopolis genannt wird, war jedoch eine Stadt, die von Jerusalem 22 römische Meilen, das heißt 176 Stadien, entfernt lag. 

Zweitens befand sich Emmaus (Nikopolis) in der Ebene, an dem Ort, wo sich die Berge von Judäa zu erheben beginnen. So schreibt Hieronymus in seinem Kommentar zu Daniel, Kapitel 12  …  Kann man so etwas von einem Ort, der sich in einer Entfernung von 60 Stadien von Jerusalem befindet, behaupten? Beginnen dort sich die Berge von Judäa zu erheben? Nein, es ist dort, wo sich Nikopolis befindet, 22 Meilen von Jerusalem und 10 Meilen von Lydda (Lod), dort, wo man die Burg des Guten Schächers erblickt, da beginnt der Anstieg der Berge von Judäa. Das ist all jenen bekannt, die auf diesem Weg gereist sind oder die kürzlich geschriebene Berichte von Pilgern gelesen haben. Das passt auch mit dem Zeugnis der Autoren des Talmud zusammen: „Von Bet-Choron bis zum Meer gibt es drei Regionen: Von Beth-Choron bis Emmaus ist Bergland, von Emmaus bis Lod Flachland und von Lud bis ans Meer Tiefland.“ … Wie klärt sich doch alles auf, wenn Emmaus dort ist, wo wir es ansiedeln, das heißt 10 römische Meilen entfernt von Lydda in Richtung Bet-Choron! …

  In dem Buch der Altertümer III, 1, steht geschrieben, dass die Bewohner von Judäa die Stadt Emmaus befestigten und dort einen Turm bauten, siehe 1 Makkabäer 9,50 (In der Tat wurde Emmaus durch die Griechen befestigt, siehe: Flavius Josephus, “Jüdische Altertümer“ XIII, 3, und 1 Makk 9, 50 – Anmerkung des Übers.) … Ich vermute, dass man die Reste dieser oder anderer, später von den Römern erbauten, Türme und Befestigungen, im allgemeinen „Burg des Guten Schächers“ benannten, rechts von der Hauptstraße, die von Jaffa kommt, sieht. Auf jeden Fall entspricht die Entfernung zwischen diesen Ruinen und Diospolis (Lydda) der Distanz von X römischen Meilen, die zwischen Nikopolis und Diospolis erwähnt wird …(„Hadriani Relandi Palaestina ex monumentis veteribus illustrata“, Trajecti Batavorum (Utrecht), 1714, Bd. I, S. 426-429), unsere Übersetzung, der Original-Text ist hier zu finden).

 

  Wie bereits erwähnt, wurde das Dorf von El Qubeibe, im Nordwesten von Jerusalem, vom Großteil der abendländischen Reisenden während der gesamten Epoche der Mameluken und am Anfang der osmanischen Epoche als das Emmaus des Evangeliums verehrt. Wegen der ständigen arabischen Sippenfehden, wird es jedoch von 1760 an den Pilgern unmöglich El Qubeibe zu erreichen. Daher bleibt die Kirche von El Qubeibe zwischen 1760 und 1868 verlassen (Siehe V. Guérin, „Description géographique, historique et archéologique de Palestine“; Bd. 1, Paris, 1868, S. 360). 

 

Im April 1767 kommt der florentinische Akademiker Giovanni Mariti mit einer Karawane von Armeniern und Griechen in Emmaus-Nikopolis an. Mariti bestätigt, was wir schon durch Pater Michel Naud erfahren haben: Die einheimischen Christen verehren Amwas als den Ort der Erscheinung Jesu nach seiner Auferstehung. Mariti bestreitet diese Ansicht, indem er sich auf das Werk Relands stützt und die alte Legende über die Makkabäer-Märtyrer wiederholt:

 Nachdem man ca. zehn Meilen durch eine sehr fruchtbare Ebene gereist ist, kommt man zu einem Dorf, welches Amwas heißt, wo die Berge von Judäa sanft anzusteigen beginnen. An diesem Ort versammeln sich die Karawanen, die zusammen nach Gaza reisen wollen und von dort nach Kairo reisen, und hier ruhen sich auch die Karawanen aus, die von Damaskus kommend, in dieselben Gegenden von Ägypten durchziehen. Amwas, das heute diesen arabischen Namen trägt, war einst eine Stadt, die Ammaus oder Emmaus, und später Nikopolis, hieß, … Dieses Nikopolis war zu christlichen Zeiten ein Bischofssitz, der Caesarea in Palästina unterstand. (Wilhelm von Tyrus, Buch XIV, Kap. 12). Viele orientalische Christen, durch die Ähnlichkeit des Namens Emmaus getäuscht, halten (dieses Dorf) für die Burg von Emmaus, in das Unser Herr am Tag seiner Auferstehung ging: aber dieses war von Jerusalem nur sechzig Stadien weit entfernt (Hl. Lukas, Kapitel XXIV, Vers 13), während Emmaus, von dem ich jetzt spreche, ungefähr hundertsechsundsiebzig Stadien oder zweiundzwanzig Meilen davon entfernt liegt.

„Drei Orte mit Namen Emmaus sind in Palästina bekannt:

1. Die Stadt, die später Nikopolis genannt wurde

2. Das Dorf, das im Evangelium des Lukas erwähnt wird

3. Ein Ort, nahe von Tiberias, welcher diesen Namen höchstwahrscheinlich wegen der Thermen erhielt“

(Hadrian Reland, „Palaestina ex monumentis veteribus illustrata“, Buch III).

Nicht weit von dem Dorf Amwas, in einem Feld mit einigen Olivenbäumen, sieht man eine fast vollständig erhaltene Kirche, die einst “den sieben Makkabäer Märtyrern” geweiht war, die in Antiochien unter Antiochus Epiphanes gemartert wurden. Später wurde sie zu einer Moschee, die schließlich in unseren Tagen aufgelassen wurde, sie ist nur mehr ein Unterschlupf für gemeine Tiere. Wenn man auf die Hauptstraße zurückkommt, trifft man rechts, nicht weit von der Kirche der Makkabäer, auf das Dorf von Latrun, wo zur Zeit der Christen eine Burg mit Namen Castrum Boni Latronis stand, wie sie die lateinische Schriftsteller nennen … („Viaggi per l’isola di Cipro e per la Soría e Palestina fatti da Giovanni Mariti Accademico Fiorentino dall anno 1760 al 1768, Florenz, 1770, Bd. III, S. 18-21, unsere Übersetzung).

Giovanni Mariti berichtet also, dass die Bewohner von Amwas, unzufrieden wegen des Andrangs der christlichen Pilger, ihre Drohung wahr machten, die schon Pater Michel Naud gehört hatte, und das Gebäude der Kirche in einen Stall umwandelten.  



 Eine Karawane am Brunnen in Emmaus, der Stich von William Henry Bartlett (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts)

(Die Höhe der Berge und die Größe des Brunnens sind übertrieben)



1831-32 erobert Mehmed Ali, der Vize-König von Ägypten, die osmanischen Provinzen Syriens und Palästinas. Er unternimmt Reformen um die Zentralregierung zu stärken, die arabischen Sippen zu entwaffnen und die Bevölkerung in die Armee einzuberufen. Dies führt 1834 zu einem Aufstand der Fellachen gegen die ägyptische Vorherrschaft. Während der Konfrontation mit der Sippe von Abu Gosch, zerstört die ägyptische Armee die Kreuzfahrerburg von Latrun endgültig und lässt das steinerne Dach der Kirche von Emmaus einstürzen (Siehe: Vincent & Abel, op. cit., S. 381).  Ab 1840 kommt Palästina wieder unter osmanische Herrschaft und die Reisenden können seitdem das Land unter geringerer Lebensgefahr durchqueren.

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 Mehmed Ali


Seit der ersten Hälfte des 19. Jh. erfährt das Heilige Land große Veränderungen, die mit dem Abstieg des osmanischen Reiches und der kolonialen Ausweitung der europäischen Mächte im Nahen Osten verbunden sind. In dieser Zeit beginnt das moderne wissenschaftliche Erforschung Palästinas.  

 

1842 kritisiert der deutsche Orientalist Emil Rödiger als erster der modernen Forscher, die These Relands, welche zwei verschiedenen Emmaus’ in der Region von Jerusalem vertritt. Wenn er diese Theorie auch nicht ganz ablehnt, weist Rödiger sowohl auf die antike christliche Tradition, die das Emmaus des Evangeliums mit Nikopolis gleichsetzt, als auch auf die Variante der 160 Stadien in einigen Manuskripten des Evangeliums von Lukas hin (Siehe: Artikel Rödigers in der Zeitschrift „Allgemeine Literatur-Zeitung“, Jahrgang 1842, Nr. 72, S. 576).
 




Sich auf die Anmerkungen Emil Rödigers stützend schließt der deutsche Geograph Carl Ritter im Jahr 1852 nicht aus, dass Nikopolis das Emmaus des Evangeliums sein könnte:  

… Da die Entfernung dieses Ortes Amwas von Jerusalem über Latrun etwa 7 Stunden Wegs beträgt, das Evan. Lucä aber die Entfernung Emmaus von Jerusalem auf 60 Feldwegs, i.e. Stadien, nur 3 Stunden Wegs, angibt, so scheint dieses damit nicht verglichen werden zu können: indes bemerkt Rödiger, dass nicht alle Codices in der gewöhnlichen Lesart von 60 Stadien übereinstimmen, sondern auch die Variante von 160 Stadien in mehreren derselben vorkommen, was dann ganz gut mit der Distanz dieser im Mittelalter genannten Nicopolis oder Emmaus, der jetzigen Amwas, übereinstimmen würde und wohl die alte, merkwürdig zusammenhängende Kirchentradition bestätigen möchte. Und wirklich ist bis jetzt kein anderes östlicheres Emmaus bekannt, das mehr historische Ansprüche auf diese merkwürdige Localität der Auferstehungsgeschichte des Heilandes machen könnte, bei der die größere Entfernung gegen West in der Sache selbst keine Schwierigkeit darbietet. … (Carl Ritter, „Vergleichende Erdkunde der Sinai-Halbinsel, von Palästina und Syrien“, Berlin, 1852, Band 2, S. 545-546, der vollständige Text ist hier zu finden).  

 

Der amerikanische Forscher Edward Robinson gibt 1856 eine zweite Ausgabe seines Werkes „Biblical Researches in Palestine“ heraus, in der er seine Reise nach Palästina von 1852 beschreibt, und als erster der modernen Forscher, Amwas mit dem Emmaus des Evangeliums auf eine eindeutige Weise gleichsetzt: 

Dienstag, der 27. April. – Der Morgen begann mit einem Anschein von Regen, und es fiel ein leichter Schauer; aber die Wolken lösten sich bald auf und der Tag wurde schön. Wir brachen um 6h55 mit einem Führer von Jalo nach Sur’a auf… Anfangs kehrten wir für zehn Minuten auf unsere Route vom Vorabend zurück, dann stiegen wir einen Hang ab, ungefähr in Richtung  N. 65° W, immer entlang eines Kammes. Um 7h25 wandten wir uns nach links und gingen um eine Bergschulter herum und wir fanden uns gegenüber Amwas und Latrun, die  in Richtung S. 47° W lagen. 

  In dem wir allmählich abstiegen, kamen wir um 7h40 im Dorf von Amwas an, das sich auf einem sanften westlichen Abhang eines felsigen Hügels befindet, hoch genug, um von dort aus einen ausgedehnten Blick über die große Ebene zu bekommen. Heute ist es ein armer Weiler, der aus ein paar elenden Häusern besteht. Es gibt zwei Brunnen oder Quellen lebendigen Wassers; einer befindet sich gerade neben dem Dorf und der andere ein wenig weiter unten gegen Westen, in dem flachen Tal. Der erste ist wahrscheinlich derjenige, den Sozomenos im fünften, Theophanes im sechsten und wiederum Willibald im achten Jh. erwähnen, als an dem Ort gelegen, wo die drei Wege aufeinander treffen (in trivio), und der heilende Eigenschaften besitzt. 

  Uns fielen auch Bruchstücke zweier Marmorsäulen auf, und man erzählte uns von Sarkophagen, die sich in der Nähe befanden und die erst vor kurzem geöffnet worden waren. Aber das Haupt-Relikt aus der Antike befindet sich gerade im Süden des Dorfes: es sind die Reste einer alten Kirche, die ursprünglich ein schönes Gebäude war, aus großen Quadern gebaut. Ihre abgerundete Ostmauer steht noch immer, so wie die zwei westlichen Ecken; die dazwischenliegenden Teile sind jedoch völlig zerstört. Dies ist der gegenwärtige Zustand des antiken Nikopolis. Ich glaube, niemand bezweifelt, dass Amwas das antike Emmaus oder Nikopolis ist, das an dem Fuße der Berge lag, und  nach „Itinerarium Hierosolymitanum“ zweiundzwanzig römischen Meilen von Jerusalem und zehn Meilen von Lydda entfernt war  … Obwohl das Dorf von Amwas von diesem Weg (von Jerusalem) aus sichtbar ist, scheint es doch bis jetzt von keinem Reisenden besucht worden zu sein. 

  Mit diesem Ort ist eine Frage von großem historischen Interesse verbunden; nämlich, ob er in einem Bezug zum Emmaus des Neuen Testaments steht, zu dem die zwei Jünger von Jerusalem aus unterwegs waren, als Jesus sich am Tag seiner Auferstehung ihnen näherte und mit ihnen zusammen ging? Der Text des Neuen Testaments wie wir ihn heute kennen, gibt an, dieser Ort sei von Jerusalem sechzig Stadien entfernt, was, wenn es stimmt, jegliche Verbindung mit dem gegenwärtigen Amwas natürlich ausschließt, denn letzteres liegt wenigstens hundertsechzig Stadien von der Heiligen Stadt entfernt. Indessen besteht, nach den ältesten Zeugnissen, die wir nach dem apostolischen Zeitalter besitzen, kein Zweifel daran, dass innerhalb der Kirche die Ansicht vorherrschte, dass Nikopolis (wie es genannt wurde) der Ort dieses Geschehens gewesen sei. Im vierten Jh. sind  Eusebius und Hieronymus beide in dieser Sache eindeutig; der eine als leitender Bischof und Historiker, der andere, als Gelehrter und Übersetzer der Schriften. Tatsächlich schienen sie keine andere Interpretation dieses Gegenstands zu kennen; und auch bei keinem anderen Schriftsteller der Antike ist eine davon verschiedene Interpretation zu finden … Die  Einwände gegen diese Sicht wurden von Reland und anderen gut dargestellt … 

  Man kann das Problem also auf folgende Weise darstellen:  Einerseits geben die guten Manuskripte die Distanz zwischen Emmaus und Jerusalem mit hundertsechzig Stadien an; es gab in dieser Entfernung einen Ort namens Emmaus, welcher noch immer als das Dorf Amwas besteht; außerdem wird all das durch das kritische Urteil der gelehrten Männer, die kurz nachher in dem Land lebten, wie auch durch die ununterbrochene Tradition der ersten dreizehn Jahrhunderte unterstützt. Andererseits gibt es die Variante der sechzig Stadien, die in den meisten Manuskripten, die wir heute besitzen, und die von außerhalb Palästinas stammen, geläufig ist. Diese wird nur durch eine zweifelhafte Variante des (Flavius) Josephus unterstützt, ohne einem Ort zu entsprechen, welcher sich heute oder am Ende des dritten Jh., in dieser Entfernung von Jerusalem befunden hätte. Was das Neue Testament betrifft, muss man zwischen zwei verschiedenen Lesarten wählen: einer ersten, die heute in den Manuskripten und Ausgaben geläufig, aber ohne eine andere gültige Grundlage ist; und einer zweiten, die auch durch die Manuskripte, aber auch durch die Tatsachen sowie durch das Urteil der antiken Gelehrten und eine ununterbrochene antike Tradition gestützt wird. Nach langem Nachdenken, neige ich dazu, die Sicht des Eusebius und des Hieronymus anzunehmen …  („Later Biblical Researches in Palestine and the Adjacent Regions; a Journal of Travels in the Year 1852 by Edward Robinson, Eli Smith and others“, London, 1856, S. 146-150, unsere Übersetzung, der Original-Text ist hier zu finden).

 Robinson folgend, erkannten zahlreiche Gelehrte vom Ende des 19. Jh.- Anfang 20. Jh. Emmaus-Nikopolis als das Emmaus des Evangeliums an, was die zukünftige Erforschung des Ortes förderte.


   Bis zur Mitte des 19. Jh. wurde das Heilige Land von seltenen Pilgern aus Europa besucht, die die Mittel eine solche Reise überhaupt besaßen. Von  1850iger Jahren an beginnt die Zeit der Gruppenwallfahrten, welche für größere Gesellschaftsschichten Europas organisiert wurden. Die Pilger kommen mit Schiffen in Jaffa an und wenden sich über Ramla und Latrun nach Jerusalem.  

 

  In den Jahren 1852-1861 erneuern die Franziskaner die Tradition der Wallfahrt nach Emmaus-El Qubeibe und kaufen den Moslems das ehemalige Grundstück der Kirche ab.  Es kommt zu einer heftigen Polemik zwischen den Theologen und Historikern, die Emmaus des Lukas-Evangeliums nach El Quebeibe verlegen und den Forschern, die es mit Emmaus-Nikopolis gleichsetzen.

 


Kirche der Franziskaner in Qubeibeh





Die Sicht von Edward Robinson, der das Emmaus des Evangeliums in Emmaus-Nikopolis ansiedelte, wurde 1859 bestätigt, als der Gelehrte Constantin von Tischendorf das griechische Manuskript von großer Qualität namens „Codex Sinaiticus“ veröffentlichte, das auf das 4. Jh. zurückgeht und die Bücher des Alten und des Neuen Testaments enthält. Im Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 13 dieses Manuskriptes steht die Variante der 160 Stadien zwischen Jerusalem und Emmaus, was der Lage von Emmaus-Nikopolis entspricht. 


Eine Seite aus dem Codex Sinaiticus mit den Kapiteln 23 und 24 des Lukasevangeliums





 

1859 veröffentlicht der Schweizer Palästina-Forscher Titus Tobler ein Werk, in dem er das erste Mal eine detaillierte Beschreibung der Basilika von Amwas erstellt und sie zu datieren versucht: 

  Wir erreichten 9 U. 23 Min. Latrun, das 982' über dem Spiegel des Mittelmeeres liegt (Tatsächlich 853 Fuß oder 260 m – unsere Anmerkung). Die Pilger, zu denen auch ich gehörte, wallen mit Unrecht so ziemlich gleichgiltig da vorbei; denn der grosse Umfang der Trümmer, der etwa eine Viertelstunde beträgt, übertraf weitaus meine Erwartung... 

  Sehr zufrieden mit der nähern Untersuchung der bedeutsamen und doch von den Pilgern so wenig beachteten Trümmer ging ich 9 U. 45 Min weg, und gleich kamen wir auf den Jerusalem-Ramleher-Weg, den wir im Zuge nach Norden durchschnitten, und gelangten 9 U. 57 Min. zu den Ruinen von Amuas عمواس. Diese Überbleibsel der Kirche von Nikopolis, welche für eine solche auch von den Einwohnern des Dorfes Amuas gehalten wird, verdienen in hohem Grade die Aufmerksamkeit. Die Trümmer so nahe und diejenigen von Latrun noch näher an der Pilgerstrasse, und doch wurden beide von den Wallfahrern gar selten besucht… Die dunkelgraue, an keinem Gebäude hellere Farbe trägt die Schuld, dass es so selten beobachtet wird. Noch ist der Chorbogen (konche) als Osttheil der Kirche und südlich ein Rundbogengewölbe erhalten. Am solid gebauten Chor gibt es auch fugengeränderte Steine und der Konche nach krumm gehauene von 8' 10'' Länge un 2' 10'' Höhe. Diese Kirche erinnert lebhaft an die St. Annakirche bei Bet Dschibrin, und ich halte sie unbedingt für die ältesten Reste einer Kirche in Palästina, so weit mir dieses bekannt ist. Ihr Bau fällt wol ins vierte Jahrhundert. Das Dorf ist drei Minuten nördlich von der Kirche entfernt, und zwischen beiden steht unten westlich ein Brunnen, aus dem fleissig Wasser geschöpft wird. Das Wasser ist gut, jedoch weiter nicht ausgezeichnet. Das Dorf liegt an einem sanften Hang von Ost nach West recht freundlich. Es ist indess nicht gross, und die Häuser sind hässlich...  („Titus Toblers dritte Wanderung nach Palästina im Jahre 1857“, Gotha, 1859, S. 186-187, der vollständige Text ist hier zu finden).

 

  

Der französische Archäologe und Geograph, Victor Guérin, begann sich 1863, während seiner dritten Reise nach Palästina, für Emmaus zu interessieren. Robinson folgend, neigt er dazu, Amwas mit dem Emmaus des Evangeliums  gleichzusetzen.  Sowie Titus Tobler beschreibt Guérin die Basilika von Amwas und versucht sie zu datieren:

  Um drei Uhr dreiunddreißig Minuten, mache ich mich wieder in Richtung Westen-Südwesten auf den Weg. Nach der Besteigung eines Hügels, komme ich in ein Tal hinab und erreiche Amwas (عمواس) um vier Uhr. Es ist ein sehr kleines Dorf, mit höchstens zweihundert Einwohnern, teils in einem Tal und teils auf den Hängen eines Hügels liegend. Die Häuser sind grob aus kleinen Steinen gebaut. Nahe vom Dorf liegt ein alter Brunnen, dessen Wasser ausgiebig und unerschöpflich ist. An den benachbarten Berghängen bemerkt man einige Grabhöhlen. Ein wenig südlich der letzten Häuser von Amwas, auf einer niedrigen Erhebung, wird unter einer koubbeh das Grab eines muslimischen Heiligen von den Einheimischen verehrt: eine Reihe von Kakteen umgibt das Heiligtum. Noch südlicher und vier Minuten von Amwas entfernt, erheben sich die Reste einer byzantinischen Kirche, deren Schiffe völlig zerstört sind; nur ihr Standort ist erkennbar. Die drei nach Osten gewandten Apsiden stehen noch, zumindest teilweise, gebaut aus Reihen von prächtigen, sehr regelmäßig gehauenen Steinblöcken, von denen einige bossiert (leicht gewölbt) sind. Dies sind die einzigen Überreste der antiken Stadt Emmaus, welche später auf Griechisch Nikopolis genannt wurde und die seit der Eroberung durch die Araber ihren ursprünglichen Namen wieder angenommen hat. Der Brunnen und einige Gräber gehören höchstwahrscheinlich zur jüdischen Stadt, und von der christlichen Stadt bleiben nur noch die Reste der byzantinischen Basilika übrig, von der ich gesprochen habe. Ich ordne sie den ersten Jahrhunderten der Kirche zu, wegen der großen Ähnlichkeit, die sie mit der Sankt-Anna-Basilika von Beit Dschibrin aufweist, welche nicht einer späteren Epoche als der Justinians anzugehören scheint, auch wenn sie nicht bis auf Konstantin zurückgeht (V. Guérin, op. cit., S. 293-294, unsere Übersetzung, der Original-Text ist hier zu finden).

 

In demselben Jahr 1863 besucht der Franziskaner Alessandro Bassi Amwas. Ihm verdanken wir die erste Skizze und den ersten, wenn auch unvollständigen Plan der Ruine von der Basilika:

  Von El Atroun aus wandte ich mich, statt nach Ramla hinunter zu gehen, nach rechts, stieg entlang eines sanften Hang, in Richtung Norden, hinab, und befand mich nach einer Viertelstunde am Fuße der Berge von Judäa, die sich, eine Mulde bildend, mir gegenüber und zur Seite erhoben. Und siehe, vor mir befand sich ein großes Feld mit einer weißen Ernte (es war Anfang Mai), in dessen Mitte sich eine nicht bepflanzte Fläche befand, die wie eine rechteckige Tenne, die sich von Osten nach Westen ausdehnte, aussah; im Osten war sie von einer Mauer umgeben, die sich in ihrer Mitte zu einem Halbkreis öffnete. Ich lenkte mein Pferd dorthin und nach zwei Sprüngen, befand ich mich innerhalb der Konturen einer Kirche. Der Halbkreis entsprach der Apsis der Kirche oder dem erhobenen Altarraum. Zur Linken des Rechtecks, am oberen Ende seiner Südseite, sah man die Reste eines Nebengebäudes der Kirche, das ursprünglich ein Ganzes mit ihr gebildet hatte. Dieser Anbau, der die Gestalt einer Sakristei hatte, bestand aus Resten eines kleinen viereckigen Raums, der auch gegen Osten mit einer niedrigen, noch erhaltenen Apsis endete, während von den anderen Wänden, die ihn umgaben, noch eine einen Meter hohe Umfriedung aus Steinen übrig war. 

 Während ich mit meinen Gefährten sprach, umringte uns ein Haufen Araber des benachbarten Dorfes und bettelte um das übliche Bakschisch … Ich fragte diese schmutzigen Fellachen, ob da unter ihnen einen „Scheich el-Beled“ (Dorfvorsteher, etwas wie unser Bürgermeister) sei. Sie brachten einen kleinen, altersschwachen und zerlumpten Mann her, mit dem ich, nach den üblichen Begrüßungen, mit Hilfe eines Dragomans, ein Gespräch begann:

„Wie heißt dein Dorf?“ – „Amwas“ …

„Gibt es Brunnen in deinem Dorf?“ – Der Araber streckte die Finger seiner Hand, so sehr er konnte, aus und sagte: „Chamse (fünf). Drei auf den Feldern und zwei im Dorf. Hier unten …“ Er zeigte sie mir und fuhr fort: „Aus dem nächstgelegenen schöpfen wir Wasser; jener da ist heilig, hier halten wir unsere Waschungen …“

„Sag mir, wie heißt dieser Ort, an dem wir uns befinden? – „Kenisse (eine Kirche). Und dort ist noch eine zweite, eine große (kebir).“

„Was glaubt ihr, ist diese kleine Kenisse gewesen?“ – „HON WEN SAJEDNA ISSA FALAK EL AESCH“ (dies ist der Ort, an dem Unser Herr Jesus das Brot brach).

  Meine Gefährten und ich tauschten einen erstaunten und befriedigten Blick aus. Ich befahl dem Dragomanen, dem Scheich das unvermeidliche Bakschisch zu geben und verteilte ein wenig Rauchtabak an die anderen und entließ sie zufrieden. Zu meinen Gefährten gewandt sagte ich: „Dies ist wirklich das Heiligtum von Emmaus. Lasst uns in die kleine Kapelle gehen, die den Ort bezeichnet,  an dem der auferstandene Jesus im Haus des Kleopas die gastfreundlichen Jünger mit seiner Gegenwart getröstet hat. Hier, ohne Zweifel, Adorabimus in loco ubi steterunt pedes eius.“

  Als wir das Gebet beendet hatten, schrieb ich sofort das vorherige Gespräch nieder, um es nicht zu vergessen,  und skizzierte dann schnell die Anlage der Kirche und machte eine Zeichnung von der kleinen Apsis, dem wichtigsten und am besten erhaltenen Teil des Monumentes. Die innere Länge der Kirche beträgt 26,2 m, von denen 4,5 m die Tiefe der Apsis darstellen, seine größte Breite beträgt 9 m., die Länge des Heiligtums ohne Apsis beträgt 6 m, seine Breite beträgt ein bisschen weniger als 3 m. Dann untersuchte ich die Mauern oder das wenige, das von ihnen noch übrig geblieben war. Aus der enormen Größe der Quader, schloss ich, dass das Gebäude sehr alt war. Alle Steine hatten eine Höhe von 0,93 m, in der Mitte der Apsis entdeckte ich einen, 3,2 m langen Stein, und in der kleinen Kapelle einen Stein von 2,9 m Länge. 

  Vor dem Verlassen des Ortes, hätte ich gerne auch die anderen Ruinen des Gebiets von Amwas besuchen, sowie die wundertätige Quelle und die Überreste der großen Kirche (Kenisse el-Kebir), von der mir der Scheich erzählt hatte … Der Tag neigte sich, und ich musste das franziskanische Hospiz in Ramla noch vor Einbruch der Nacht erreichen, also musste ich mich beeilen. Nichtsdestoweniger verließ ich den Ort befriedigt und glücklich darüber, dass ich das wahre und Haupt-Heiligtum von Emmaus gefunden und den Boden im Haus des Kleopas, wo SAJEDNA ISSA FALAK EL AESCH, Unser Herr das Brot brach, geküsst hatte…

(Alessandro Bassi, op. cit., S. 47-48, 51-53. Der Text wurde 1864 geschrieben, unsere Übersetzung, der Original-Text ist hier zu finden). Alessandro Bassi erkannte sowohl das Schiff der Kreuzfahrerkirche von Amwas, als  auch die östliche Mauer der byzantinischen Basilika mit ihrer Mittel- und Süd-Apsis. Es ist indessen unklar, von welcher „großen Kirche“ der Scheich zu ihm gesprochen hat.


Der Plan der Kirche in Amwas aus dem Buch von Alessandro Bassi

 

 

 Seit 1866 lokalisieren die Palästinaforscher (Emmanuel Forner, Carl Sandreczki, Liévin de Hamme) die historische Stadt von Modi’in nicht mehr, wie vorher, in Zuba oder in Latrun, sondern in der Nähe des arabischen Dorfes von El-Midje, nördlich von Emmaus-Nikopolis. 1870 identifiziert Victor Guérin den Ort von Chirbet Gherbâwy (Churwat Ha-Gardi, nahe des heutigen Mewo-Modiin)  als die Gräberstelle der Makkabäer (Siehe: Charles Clermont-Ganneau, „Archaeological Researches in Palestine during the Years 1873-1874“, London, 1899, Bd. 2, S. 359 ff.). Diese Forschungen trugen dazu bei, die wahre historische Bedeutung von Emmaus-Nikopolis und von Latrun  zu bestimmen.

 


Die Gräber der Makkabäer in der Nähe von Mewo-Modiin



1868 veröffentlicht der deutsche Theologe Ernst Ranke das erste Mal den Codex Fuldensis, eines der ältesten Manuskripte der Vulgata, das auf das 6. Jh. zurückgeht. Dieses Manuskript enthält die Variante der hundertsechzig Stadien zwischen Jerusalem und Emmaus, der Original-Text ist hier zu finden. 


1871 übertragen die osmanischen Machthaber den Besitz der Kirche des heiligen Georg in Lod, die sich bis dahin in katholischen Händen befunden hatte, den Griechisch-Orthodoxen. Als Ersatz erhält Frankreich von Seiten der Osmanen den Besitz der Kreuzfahrerkirche von Abu Gosch, die im 12. Jh. als der heilige Ort der Erscheinung Christi in Emmaus verehrt worden war (siehe: Epoche der Kreuzfahrer). Am Anfang des 20. Jh. wird die Kreuzfahrerkirche von Abu Gosch als das „dritte Emmaus“ zu einem Wallfahrtsort (siehe weiter unten). 




Kreuzfahrerkirche in Abu Ghosh


 

 

1874 führt der französische Orientalist Charles Simon Clermont-Ganneau erstmals eine archäologische Ausgrabung in der Kirche von Emmaus-Nikopolis durch, um die Bodenmosaiken des Gebäudes zu finden. Die Ausgrabung, die ohne die Autorisierung der osmanischen Behörden stattfindet, dauert nur kurz und führt nicht zu dem erwünschten Resultat (Charles Clermont-Ganneau; op.cit., Bd. 1, S. 483-484). In seinem 1899 in London veröffentlichten Werk, spricht der Forscher von antiken Objekten und Inschriften, die er 1874 von der ansässigen Bevölkerung bekommen hatte. Er verweist ebenso auf antike Gräbern in der Nähe des Dorfes von Amwas und übermittelt Erzählungen und Legenden, die er an diesem Ort gehört hat  (op. cit., Bd. 1, S. 485ff). 

 




 
 
Die 1874 von Clermont-Ganneau angefertigte Skizze eines römischen Grabes in der Nähe von Emmaus  (Siehe: Charles Clermont-Ganneau, „Archaeological Researches in Palestine during the Years 1873-1874“, London, 1899, Bd. 2, S. 94)


 






Clermont-Ganneau berichtet unter anderem von der Verehrung der Gräber des Mu’adh ibn Dschabal und des Abu ’Ubaida  durch die Bewohner des Dorfes:

Das wichtigste und auffallendste muslimische Heiligtum von Amwas liegt auf einem Hügel etwa 500 m südlich des Dorfes. Es erscheint auf der Karte des Palestine Exploration Fund - unter dem Namen „Scheich Mo’alla“, was „erhaben“ bedeutet. Ich habe den Namen auch als „Ma’alleh“ ausgesprochen gehört und auch als „Mu’al“ oder „Mo’al“; aber das sind einfach verkürzte und nicht ganz richtige Formen; der vollständige Name ist „Scheich Mu’adh ibn Dschabal“, wie ich schon an mehreren Stellen erwähnt habe.

 Obwohl sie seinen Ursprung nicht kennen, haben die Fellachen eine außergewöhnliche Verehrung für dieses Heiligtum; sie sagen, es werde öfters zum Schauplatz für eine übernatürliche Erscheinung: man sieht einen alten Mann mit einem langen weißen Bart auf einer grünen Stute und mit einem Spieß („charbeh“) in seiner rechten Hand, mit dem er seine Feinde tötet. Dieser ist der Scheich, den sie mit heiliger Scheu verehren. Diese Legende und der Name der Figur interessierten mich sehr, und nicht ohne Schwierigkeit entdeckte ich schließlich die Antwort auf dieses Rätsel. Sie gehen direkt auf die Geschichte der berühmten Pest von Amwas zurück und stehen in Verbindung mit dem Pestbrunnen. Wie ich schon erklärt habe, erzählen uns die arabischen Historiker, dass die Seuche in Amwas begann, und sie daher in ihren Chroniken die Pest von Amwas genannt wird. Unter den berühmtesten Opfern der Krankheit befand sich einer der Gefährten Mohammeds, Abu ‘Abd er Rahman Muadh ibn Dschabal, der von Omar mit der Führung des eroberten Landes betraut worden war (. . .)

Das Grabmal von Scheich Ibn Dschabal (Park Kanada)

An der Westseite des Dorfes, nördlich der Kirche, liegt ein anderes muslimisches Heiligtum, welches auch sehr verehrt wird. Hier steht ein antikes und sehr merkwürdiges Gebäude, mit Kuppeln und Gewölben. Es heißt einfach Scheich ‘Obeid. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser sonst unbekannte Scheich ‘Obeid in einer Beziehung mit Mu‘adh ibn Dschabal steht und dass sich dahinter ein anderer berühmter Held aus der Epoche der muslimischen Eroberung verbirgt, der der Pest von Amwas zum Opfer fiel; ich meine General Abu ‘Obaidah ben al Dscharah, der die Armee der Invasoren befehligte und dem Mu‘adh ibn Dschabal selbst als Befehlshaber folgte. (Charles Clermont-Ganneau, „Archeological Researches in Palestine”, Bd. 1, London, 1899, S. 491-493, unsere Übersetzung). (siehe auch: die Epoche der Mameluken) 


Der vollständige Text von Charles Clermont-Ganneau  ist hier zu finden


In demselben Jahr 1874 veröffentlicht der französische Gelehrte Félicien de Saulcy eine Forschung über die Münzkunde Palästinas, in welcher er einige Münzen beschreibt, die in Emmaus-Nikopolis in der römischen Epoche geprägt wurden (F. de Saulcy, „Numismatique de la Terre Sainte“; Paris, 1874, S. 172-175, siehe hier).

 


  Von 1876 bis 1877 baut der Vertreter der Agentur Thomas Cook in Palästina, Iskander Awad (besser unter dem Namen Alexander Howard bekannt), ein kleines Hotel in Latrun. Ein wenig später wird der Besitz an die Brüder Batato aus Jerusalem verkauft. Es trug den Namen „Makkabäerhotel“, und im Garten, zeigte man den Besuchern die antiken jüdischen Gräber, als diejenigen von Matthatias dem Hasmonäer und seiner Söhne (siehe Paul Tavardon, „Trappistes en Terre Sainte“, Domuni-Press, 2016, Bd. 1, S. 68, Anm. 128, sowie S. 114-115).




Howards Hotel in Latrun (Foto von 1887) 

 

In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die Offiziere der britischen Armee, C.R. Conder und H.H. Kitchener vom Palestine Exploration Fund beauftragt, eine systematische geographische Beschreibung des Heiligen Landes zu erstellen. 

 

Leutnant Kitchener, zukünftiger britischer Lord, Marschall und Politiker,  besucht Amwas 1877:

  Nach der Erforschung der Gegend des Landes ritt ich nach Amwas, um die Kirche zu besichtigen. Ich betrat die Moschee und vermaß sie. Als ich sie verließ, traf ich auf  eine Menge Leute, die mir sagten, es sei ein höchst heiliger Ort, nämlich das Grab des Scheich Obeid. Ich entschuldigte mich, dass ich mit meinen Schuhen hineingegangen war. Die Leute waren sehr höflich und zuvorkommend, und obwohl ich einen türkischen Soldaten bei mir hatte, äußerten sie ihren brennenden Wunsch, England solle das Land übernehmen , um ihnen  die Vorteile  einer gerechten Regierung zu gewähren. 

  Es gelang mir nicht, sie davon  zu überzeugen, dass England gar keine Absicht habe, irgendetwas in dieser Hinsicht zu unternehmen. An diesem Tag hatte eine Hochzeit stattgefunden, und der Bräutigam musste für eine gewisse Menge Schießpulver für die Freudensalven für den Anlass aufkommen. Die  jungen Männer waren klugerweise dazu entschlossen, damit auf Zielescheiben zu schießen, statt es nutzlos zu vertun und sie übten sich darin recht gut. In einem gewissen Moment bildeten sie vor der Moschee eine Reihe, mit dem alten Scheich vor ihnen, und verrichteten ihre Andachtsübungen. Sie waren sehr eifrig dabei zu beten, dass Gott dem Sultan den Sieg verleihen und die Moskoviter verwirren solle (es handelt sich um den russisch-türkischen Krieg von 1877-1878 –Anmerkung des Übersetzers). Nachher ging ich, um die Überreste der prächtigen Kirche zu besuchen. Die Steine sind sehr groß und die Kirche stammt, meiner Meinung nach, aus einer Zeit vor der der Kreuzfahrer, wahrscheinlich aus dem 5. Jh. Dann besichtigte ich die schönen Reste  der Kreuzfahrerburg von Latrun; sie muss ein wichtiger Ort gewesen sein und ist noch recht gut erhalten (H.H. Kitchener, „Journal of the Survey“, PEF Quarterly Statement, London, 1878, S. 66; unsere Übersetzung).

H. H. Kitchener



Das Gebiet von Amwas und Latrun auf der Karte des Palestine Exploration Fund, zusammengestellt von Conder und Kitchener («Map of Western Palestine from Surveys conducted for the Committee of the Palestine Exploration Fund by Lieutenants C. R. Conder and H. H. Kitchener during the Years 1872-1877», London, 1880) 



Wir sehen, dass Leutnant Kitchener die Reste von Latrun eindeutig als Kreuzfahrerburg identifiziert. 1879 finden wir zum ersten Mal, in dem von Leutnant Conder veröffentlichten Bericht über seine Arbeit für den Palestine Exploration Fund, die korrekte Etymologie des Namens Latrun. Conder führt sie auf die Kreuzfahrerburg des „Toron de los Caballeros“ zurück, die schon im 12. Jh. von Benjamin von Tudela erwähnt wurde, und nicht mehr auf den Guten Schächer, wie zuvor (Claude Reignier Conder, „Tent Work in Palestine“, London, 1878, Bd. 1, S. 14; siehe auch: C.R. Conder, H.H. Kitchener, „The Survey of Western Palestine“, London, 1883, Bd. 3, S. 15), siehe auch: die Epoche der Kreuzzüge 


Latrun ca. 1880


 

Im Frühjahr 1878 empfängt eine mystisch begabte Karmelitin von Betlehem, die heilige Marie vom gekreuzigten Jesus (mit bürgerlichem Namen Mariam Baouardy) eine Offenbarung über die Kirche von Emmaus-Nikopolis, die zum Erwerb des Grundstücks durch ihr Kloster führt. In einem Brief vom 5. Mai 1878 teilt sie ihrem geistlichen Vater mit:

… Der Herr hat mir einen Ort gezeigt, und dass es dort eine große Kapelle geben wird, zu der alle Wallfahrten hinführen werden. Es wurde mir gesagt, dass es unter der Erde eine Kirche gibt, und in dieser Kirche in alter Zeit, vor der Ankunft der Kreuzfahrer, eine Kirche zu Ehren des wahren Ortes von Emmaus gestanden hätte, in der unser Herr das Brot segnete, wodurch  die Jünger Ihn erkannten. Es wurde mir gesagt, dass die Türken hier eine Moschee gemacht haben und der Ort mehrere Jahre lang in ihren Händen blieb. Kein einziger Christ ist im Land geblieben: die einen wurden getötet, andere entkamen und wieder andere wurden zu Türken (das heißt zu Muslimen - Anmerkung des Übersetzers). Als die Christen diese Verfolgung  kommen sahen, vergruben sie einen kleinen Stein, auf dem diese, von den zwei Jüngern selbst geschriebenen, Worte stehen: „Hier hat der Herr das Brot gesegnet und sich ihnen offenbart.“  Sie vergruben auch den steinernen Tisch, auf dem der Herr das Brot gesegnet hatte. All das ist nicht bekannt und verborgen, und dies sind die einzigen Dinge, die im Heiligen Land intakt geblieben sind, wie zur Zeiten unseres Herrn. Es wurde mir gesagt, dass ich, sollte ich diesen Ort sehen, ihn erkennen würde. Darüber bestanden lange Zeit Zweifel, und ich wusste nichts davon. Das (lateinische) Patriarchat wünscht diesen Ort zu entdecken, um ihn zu kaufen, ebenso die Franziskaner, und auch die Schismatiker. Und die ganze Welt zweifelt noch … Ich selbst habe es mir in den Kopf gesetzt, und wenn Gott mich dazu inspiriert, werden wir den Ort kaufen; er wird weder für die Einen noch für die Anderen sein … Wenn Jesus es möchte, wird er schon wissen, wie er das Geld schickt … Betet, dass dies nicht zu einem Anlass der Spaltung werde. Mir ist noch etwas entfallen: Es wurde mir auch gesagt, dass der Ort, den die Franziskanerbrüder als Emmaus hüten (d.h.: Quebeibeh - Anmerkung des Übersetzers) einmal ein Kloster gewesen ist, in dem mehrere Wüstenväter umgebracht worden sind. Es ist durch das Blut der Märtyrer, welches diese Erde getränkt hat, ein geheiligter und sehr wertvoller Ort. Ich habe Hochwürden Pater Guido verständigt, dass man die Ruinen der Zellen und Überreste der Väter und Bischöfe bei Ausgrabungen finden würde („Lettres de la Bienheureuse Marie de Jésus Crucifié“, Editions du Carmel, 2011, S. 504-506, unsere Übersetzung).

Am 7. Mai 1878 begleitet Schwester Mariam ihre Oberin, sowie die Novizenmeisterin des Klosters auf deren Reise nach Nazareth. 

Pater Denis Buzy, der seine Informationen aus den Annalen des Karmels Bethlehem zog, gibt uns den folgenden Bericht über diese Reise:

Am 7. Mai brachen die Reisenden auf und fuhren durch Heiligen Johannes in Montana  (das heißt Ein-Karem - Anmerkung des Übersetzers), Emmaus und Jaffa, nahmen das Schiff bis nach Haifa und erreichten Nazareth über Schefa-Amar …  Von allen Orten auf der Reise war der bemerkenswerteste derjenige von Emmaus. Einige Wochen vorher hatte Schwester Marie vom gekreuzigten Jesus in Ekstase gesagt, dass Gott ihr den Ort gezeigt habe, an dem der auferstandene Retter in Gegenwart der Jünger das Brot gesegnet hatte. Von diesem Ort sei ihr ein Zeichen gegeben worden, wodurch sie ihn erkennen kann  … Am Abend des 8. Mai hielt der Wagen, in dem die Reisenden fuhren, bei einem Gasthaus am Fuße des kleinen Ortes von Latrun. Ohne auf den Führer zu warten, läuft Schwester Marie vom gekreuzigten Jesus, die nie durch diesen Ort gekommen war, in der Entzückung der Ekstase, nach vorn und lässt ihre Gefährtinnen weit hinter sich. Diese beeilen sich ihr zu folgen. Sie rennt beinahe, so erzählt die Novizenmeisterin. Nach einigen Minuten kommt sie bei einer Anhöhe an, auf der einige unförmige Ruinen zwischen hohen Gräsern auftauchen. Bewegt hält sie inne, wendet sich zu den ihr folgenden Schwestern und sagt mit lauter Stimme: „Dies ist wirklich der Ort, an dem der Herr mit seinen Jüngern gegessen hat“ …  (Denis Buzy, „Vie de Sr. Marie de Jésus Crucifié“, Bar-le-duc  - Paris, 1921, S. 100-101, unsere Übersetzung).

 Ein unveröffentlichter Bericht über diese Reise, der in den Archiven des Klosters aufbewahrt wird, berichtet: als der Wagen nahe an Abu Gosch vorbeifuhr, teilte die heilige Mariam ihren Schwestern mit, dass dies der Ort sei, an dem Jesus die beiden Jünger auf dem Weg getroffen habe. Von dort aus seien sie auf einem kürzeren Weg, als dem, der heute benützt würde, nach Emmaus gegangen.

 

Auf die Prophetie der heiligen Mariam hin, kauft die französische Dame Berthe de Saint-Cricq d’Artigaux (Dartigaux), 1880 das Grundstück der Kirche von Emmaus. Frau dArtigaux  zahlt den Bewohnern von Amwas eine Summe von zwanzigtausend Francs für das drei Hektar große Grundstück, und vermacht es dem Karmel. Auf ihren Auftrag hin führt Architekt Jean-Baptiste Guillemot, Hauptmann der französischen Armee, die Freilegung der Ruinen durch. Ein erstes Haus entsteht auf der Anhöhe über den Ruinen um den Architekten zu beherbergen. Neben dem Haus baut man eine kleine Kapelle  (siehe: Paul Tavardon, op.cit., Bd. 1, S. 75-76 und 92).

 Berthe Dartigaux 



Im März 1882 berichtet Hauptmann Guillemot in der französischen Wochenzeitung „Les Missions Catholiques“ über seine Entdeckungen: 

Die Kirche von Amwas ist nicht geostet; die Fassade schaut nach Nord-Westen, daher sind die Apsiden dem Süd-Osten zugewandt. Vor den Ausgrabungen war dieser Bau so sehr verschüttet, dass es unmöglich war, seine Struktur zu erfassen. Einige schöne Steinreihen der Hauptapsis und nur ein Teil des Gewölbes der linken Apsis (auf der Seite der Epistel) waren sichtbar. Die Ausgrabungen wurden neben dieser letzteren Apsis begonnen. In ungefähr einem Meter Tiefe war die Apsis von muslemischen Gräbern antiken Aussehens umgeben, und in der Mitte derselben Apsis befand sich eine Nische, die sichtlich später hineingehauen worden war. An diesem Ort fand ich das Grab eines muslimischen Heiligen, das man an seiner Verzierung in Form des traditionellen Derwisch-Turbans einfach erkennen konnte. Das alles ließ mich annehmen, dass diese Seite der Kirche in eine Moschee umgewandelt worden war. Ich überspringe schnell die Entdeckung mehrerer jüdischer Gräber, die in den Felsen gehauen waren, um einen Moment nahe eines eigenartigen, in Eile aus Steinen von unterschiedlicher Größe und Herkunft errichteten Baus innezuhalten. Darin fand ich, inmitten eines Haufens menschlicher Knochen, mehr als hundert Glasgefäße (Ampullen), von denen zwanzig noch intakt herausgeholt werden konnten. An keinem dieser Steine fand ich Spuren von einem Werkzeug der Kreuzfahrer; sie schienen mir jedoch aus einer früheren Zeit zu stammen. Der Bau war sicherlich weder jüdisch noch muslemisch, es gab jedoch auch kein einziges Kreuz. Einige Schritte von diesem merkwürdigen Ossuarium entfernt, zeigte mir ein alter Ofen den wirklichen Grund des Verschwindens dieser schönen, weißen, von Statuen und antiken Monumenten stammenden, Marmorsteine. Rund um diesen Ofen herum lagen zahlreiche behauene Trümmer, von denen einige halb verkalkt waren, man hatte sie zur Erzeugung von Kalk genutzt. Die Ausgrabungen wurden rund um die Kirche herum fortgesetzt, die so langsam von ihrem „Grabtuch“ aus Erde und Trümmern befreit wurde. Man fand zahlreiche Stücke von Sockeln, Kapitellen, Säulen und Gebälken, antike Töpferei, Mosaiksteine in allen Farben, kurz alles, was man überhaupt in antiken Monumenten Palästinas findet -  aber noch keine Inschrift. Wir hatten mehr Glück bei der rechten Apsis (auf der Seite des Evangeliums), wo verschiedene Anzeichen uns dazu veranlassten, unsere Aufmerksamkeit zu verdoppeln.



Die nördliche Apsis, der Ort der Entdeckung des ionischen Kapitells mit samaritanischen und griechischen Inschriften. (Abbildung von J.-B. Guillemot, veröffentlicht in: "Emmaüs-Amoas", "Les missions catholiques", Nr. 665, 3. März 1882, S. 106).

A - Die Verbindung der Kreuzfahrerkirche mit der byzantinischen Basilika

B - Byzantinisches Mauerwerk

C - Die die Apsis abschließende Wand

D - Der in die Wand eingebettete Säulensockel

E- Kapitell mit einer samaritanischen und einer griechischen Inschrift











Hier fanden wir das merkwürdige, ionische Kapitell mit zwei Inschriften, die später von Pater Bargès veröffentlicht wurden... Herr Clermont-Ganneau hat davon auch eine Zeichnung erhalten, und diese ohne  Zögern entziffert, obwohl die Schriftzeichen unklar waren. 

Die bemerkenswerteste dieser Inschriften ist in Hebräisch-Samaritanisch, sie nimmt zwei Zeilen auf einer, durch eine Rille getrennten, Tafel ein. Diese Tafel ist absichtlich zwischen zwei Voluten durch zwei Schwalbenschwanzelemente befestigt, was beweist, dass die Inschrift in der Komposition des Kapitells vorgesehen war.

 Um die Übersetzung der Inschrift zu erleichtern, ordne ich die samaritanischen Schriftzeichen auf einer einzigen Zeile an, mit den entsprechenden lateinischen Buchstaben darunter, aber rückwärts; die semitischen Schriften lesen sich von rechts nach links.



Dreht man die lateinische Buchstaben in ihrer Richtung um, von links nach rechts, erhält man: BRUK SHMU L‘ULM. Jeder semitische Buchstabe, dem kein alef, kein ia oder kein vau folgt, besitzt die Kraft eines Konsonanten, verbunden mit einem stummen Vokal, und man liest sie so:

BARUCH SHeMO Le‘OLaM: Sein Name sei gesegnet auf ewig! 

Nun, an wen ist dieser Wunsch gerichtet? Denn offensichtlich ist der Satz: Dein Name sei auf ewig gesegnet! nicht vollständig. Wir werden seine Ergänzung finden, wenn wir das Kapitell umdrehen, das auf seiner gegenüberliegenden Seite eine andere Inschrift trägt. 

Das Erstaunen für einen Archäologen ist überaus groß: anstelle der Tafel, finden wir hier zwischen den Voluten eine Art Muschel, in der man eine griechische Inschrift aus der spätrömischen - frühen byzantinischen Zeit liest.

„ΕΙΣ ΘΕΟΣ“ – „EIN EINZIGER GOTT“.

  Hier ist die vollständige Bedeutung der hebräisch-samaritanischen Inschrift: Ein einziger Gott, Sein Name sei gesegnet auf ewig! Wir stehen also einem Satz gegenüber, der einen einzigen Gedanken, mit Hilfe von zwei verschiedenen Sprachen und den ihnen eigenen Schriftzeichen ausdrückt. Die Inschrift stammt aus einer späteren Epoche.  Clermont-Ganneau besitzt Beweise dafür, dass solche Inschriften aus der Zeit zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert stammen… 

  Es erschien mir nützlich, den genauen Ort …der doppelten Inschrift in einem geschriebenen Protokoll niederzulegen. Was solche ernste Forschungen betrifft, kann man nicht genug Vorsicht walten lassen … Die wichtigsten Teile der Kirche von Amwas sind noch nicht ausgegraben worden. Das sind: der Bereich hinter den drei Apsiden, das Innere des Kreuzfahrerschiffes und das Innere der römischen Apsis. (J.-B. Guillemot, „Emmaüs-Amoas“, veröffentlicht in: „Les Missions Catholiques“, N. 665, 3. März 1882, S. 103–106unsere Übersetzung) (Der vollständige Text des Berichtes  ist hier zu finden).

Aus diesem Text geht hervor, dass Hauptmann Guillemot die Apsis der Basilika, von Anfang an, irrigerweise bis in die Römische Epoche datiert.

  Das von Guillemot erwähnte Protokoll wurde am 26. Juni 1881 in Emmaus, in Anwesenheit der Patres Alphonse-Marie Ratisbonne, Belloni, Félix Valerga und anderer aufgezeichnet (siehe den Artikel „Les deux Emmaüs“, veröffentlicht von M.-Th. Alleau in „Missions Catholiques“, 1881, S. 345-346). Der Vize-Konsul von Frankreich in Jaffa, der Orientalist Charles Clermont-Ganneau, der 1874 schon eine erste archäologische Untersuchung in Amwas unternommen hatte (siehe oben), befand sich auch im Laufe derselben Tage an Ort und Stelle. Ihm gelingt es, die samaritanische Inschrift des ionischen Kapitels zu entziffern (siehe oben den Bericht von Hauptmann Guillemot). In seinen Premiers rapports sur une mission en Palestine et en Phènicie, Paris, 1882, S. 16–38, siehe hier, erstellt Clermont-Ganneau eine interessante Analyse der von Guillemot entdeckten Inschriften (Der Bericht von Clermont-Ganneau wurde auch auf Englisch veröffentlicht in: Palestine Exploration Fund, Quarterly Statement, 1882, S. 22-37, siehe hier; und: C.R. Conder, H.H. Kitchener, „The Survey of Western Palestine“, Bd. 3, London, 1882, S. 72-81, siehe hier). Der Forscher bestätigt, dass die drei Apsiden der Kirche von Amwas auf die Byzantinische Epoche zurückgehen. Die irrtümliche Meinung von Hauptman Guillemot, die die Kirche der Römischen Ära zuschrieb, hielt sich jedoch in der wissenschaftlichen Forschung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Auf seinen Rundgängen in der Umgebung von Amwas entdeckt Clermont-Ganneau noch einige Inschriften, und veröffentlicht sie in: Ch. Clermont-Ganneau, „Mission en Palestine et en Phénicie“, Paris, 1884, S. 60-63, 105-106, siehe hier. Eine dieser, nahe von Latrun gefundenen Inschriften, gehörte zur  Grabplatte eines römischen Soldaten der V. mazedonischen Legion (siehe: Ch. Clermont-Ganneau, „Archeological Researches in Palestine during the Years 1873-1874“, London, 1899, Bd. I, S. 468, sowie in: „Ephemeris  Epigraphica”, 1884, Bd. V, S. 620, siehe hier). 


Die byzantinische Inschrift von Amwas, veröffentlicht von Charles Clermont-Ganneau (Ch. Clermont-Ganneau, "Mission en Palestine et en Phénicie", Paris, 1884, S. 106.)





Clermont-Ganneau erwähnt auch Reste römischer Aquädukte zwischen Amwas und Latrun:

Von den Fellachen erfuhr ich, dass es in alten Zeiten einen großen Aquädukt gegeben habe, der Wasser von Bir et-Tineh (nahe der heutigen Straße, nicht weit von Bir Ajub) nach Amwas brachte. Dieser Aquädukt ist wahrscheinlich derjenige, von dem die Überreste südlich von Amwas noch erkennbar sind.  Ein anderer sehr langer Aquädukt entlädt seinen Inhalt nahe von Amwas, nachdem er sich um den Hügel, auf dem Latrun liegt, herumgewunden hat.  Alle diese sehr bemerkenswerten hydraulischen Anlagen müssen wohl das Werk der Römer gewesen sein, die Emmaus-Nikopolis zu einer ihrer Haupt-Militärstützpunkte in Palästina gemacht hatten. (Clermont-Ganneau, „Archaeological Researches in Palestine during the Years 1873-1874”, London, 1899, Bd. 1, S. 488unsere Übersetzung).

 

  Das von Hauptman Guillemot entdeckte Kapitell mit der doppelten Inschrift, so wie einige andere samaritanische Inschriften, die in Amwas gefunden wurden, reichen nicht vor die byzantinische Epoche zurück (siehe  M. de Vogüe, „Nouvelle inscription samaritaine d’Amwas“, RB 1896, S. 433ff, siehe hier). Der Fund dieses Kapitells in der byzantinischen Kirche kann so erklärt werden: Nach der Niederschlagung ihrer Revolte von 529-531, wurden die Samariter dazu gezwungen, die Kirchen, die sie im Land zerstört hatten, auf eigene Kosten wieder aufzubauen. Es ist anzunehmen, dass sie die Basilika von Emmaus mit den Steinen ihrer eigenen Synagoge ausbesserten (siehe: Vincent & Abel, op. cit., S. 264-266, siehe auch: Die byzantinische Epoche). Im Gegensatz zu dem, was Pater Germer-Durand in der „Revue bénédictine“, 1890, Bd. VII, SS. 433-436 behauptet, kann das Kapitell also nicht der in der Prophetie der heiligen Mariam (siehe oben) erwähnte, Stein sein.

 

  1882 besuchen die oben erwähnten, britischen Offiziere Conder und Kitchener die Ausgrabungen von Amwas. In ihrem Werk „Survey of Western Palestine“, London, 1883 (Bd. 3, S. 63ff) geben sie davon eine Beschreibung, die auf dem Bericht des Hauptmann Guillemot gründet (siehe oben). Sie berichten jedoch von einigen neuen Details, unter anderem, dass man im Osten der Kirche zahlreiche Knochen, so wie ein Halskreuz gefunden hat. Die Autoren nehmen an, dass sich hier, vor der Eroberung durch die Moslems, ein christlicher Friedhof befunden hat (op. cit., S. 65-66). Das Buch beinhaltet auch neue Pläne der Kirche von Amwas, der Original-Text ist hier zu finden.

 


Pläne der Basilika von Amwas, veröffentlicht von Conder und Kitchener im Jahr 1883











 

  1883 entdeckt Hauptmann Guillemot, während seiner fortschreitenden Ausgrabungen im Nord-Osten der Kirche, ein kreuzförmiges Becken mit einer Zisterne, sowie byzantinische Mosaiken, von denen eines den Bischof (von Nikopolis) erwähnt. Der deutsche Architekt Conrad Schick, der damals in Jerusalem als größte Autorität im Bereich der Archäologie galt, besucht die Ausgrabungsstätte. In seinem Bericht bezüglich der Forschungen vor Ort, spricht Schick von einer Kirche die "aus zwei verschiedenen Zeiten stammt. Das ältere Bauwerk ist offenbar byzantinisch und zeichnet sich durch schöne grosse Steine aus; das jüngere ist durch die Kreuzfahrer errichtet, eine kleine einschiffige Kirche von etwas plumpem Styl, die nur den mittleren Teil  des byzantinischen Gebäudes bedeckt hat" Conrad Schick identifiziert das kreuzförmige Becken als Baptisterium aus dem 4. Jh. (siehe Conrad Schick, ZDPV, VII, 1884, S. 15 ff, ebenso die Tafel Nr. 1, der Original-Text ist hier zu finden; siehe auch PEF, Quarterly Statement, 1883, S. 118). Die von C. Schick veröffentlichte  Zeichnung des Taufbeckens ist nicht exakt (siehe: Vincent & Abel, op. cit., S. 244, Anmerkung 1).




Conrad Schick

Der Plan der Basilika und die Skizze der Taufkapelle, 

veröffentlicht von C. Schick







Die in dieser Etappe der Ausgrabungen entdeckten Inschriften wurden von Pater Germer-Durand in der „Revue biblique“ von 1894, S. 253-257 veröffentlicht, siehe hier. Der Bericht des Hauptmann Guillemot über diese Etappe der Ausgrabungen wurde vom deutschen Theologen M.-J. Schiffers (in „Amwas, das Emmaus des hl. Lukas“, Freiburg, 1890, S. 229-233) veröffentlicht (siehe hier). In diesem Bericht datiert Guillemot die Kirche von Amwas noch immer bis in die römische Zeit und schreibt seinen Bau erstmals Julius Africanus (3. Jh. n.Chr.) zu. 

 

Der, von Schiffers veröffentlichte, Plan der Basilika und der Taufkapelle von Emmaus, basiert auf den Untersuchungen von Hauptman Guillemot. Der Plan der Taufkapelle ist ungenau (siehe: Vincent, Abel, op. cit., S. 244, Fußnote 1)













Eine Skizze des von Hauptman Guillemot in der Nähe der Taufkapelle entdeckten Mosaiks, 

das einen Bischof von Nikopolis erwähnt (Vincent & Abel, op. cit., Bild XVIII) 





Eine kurze Zusammenfassung dieser Etappe der Ausgrabungen findet sich auch bei Clermont-Ganneau „Archeological Researches in Palestine during  the Years 1873-1874“, London, 1899, Bd. 1, S. 484-485, siehe hier).

1886 veröffentlicht J.-B. Guillemot eine Broschüre über die Geschichte von Emmaus-Nikopolis. Darin versucht er, die genaue Lage des Hauses von Kleopas und der wundertätigen Quelle festzulegen, indem er sich auf Zeugnisse der byzantinischen Epoche stützt, der Original-Text ist hier zu finden.

Die Karte von Nikopolis und seiner Umgebung aus der Broschüre von Hauptman Guillemot. Die Stadt Nikopolis ist von einer Mauer umgeben. Die Basilika befindet sich außerhalb der Stadt, an der Kreuzung von drei Straßen












In der Broschüre von J.-B. Guillemot findet sich das erste Foto der Ausgrabungen, das angeblich aus dem Jahr 1885 stammt  (Vincent & Abel, op. cit., S. 27). 













Im März 1887 stirbt Berthe d’Artigaux. Hauptmann Guillemot fährt mit der Freilegung der Kirche von Amwas bis 1888 fort und entdeckt die Fundamente der westlichen Fassade der byzantinischen Basilika (M.-J. Schiffers, op. cit., S. 233-234, siehe hier).

 

Am Ende der Ausgrabungen werden die Mosaiken wieder mit Erde bedeckt und das Taufbecken durch einen Unterstand geschützt. Die entdeckten Objekte werden im Haus über den Ausgrabungen untergebracht, und verschwinden mit der Zeit. Das Kapitell mit der doppelten Inschrift befindet sich im Karmel von Betlehem  (siehe Vincent & Abel, op. cit., S. 5).

 

Später wurden die, von J.-B. Guillemot durchgeführten Ausgrabungen, aufgrund eines Mangels der wissenschaftlichen Methode, kritisiert:

...Im Laufe dieser Arbeiten, und wegen des Reizes der ersten Entdeckungen, überwog der Wunsch, sich so schnell wie möglich, Erkundigungen über Natur, Charakter und Datierung der Überreste des Monuments beschaffen, über die Anforderungen einer streng archäologischen Methode. Man begnügte sich manchmal damit, die Trümmer woandershin zu verlegen, indem man die schon gesichteten Stellen wieder zudeckte ( … )  Man sichtete die Seitenschiffe ziemlich weit entfernt vor den Apsiden, aber ohne zu versuchen, das schreckliche Gewirr der Trümmer durchzukämmen, und konzentrierte seine ganze Anstrengung auf das geschlossene Kirchenschiff, das der zentralen Apsis entspricht. In der Eile und als erste Etappe der Arbeit beschränkte sich man darauf, die Trümmer über die Mauern zu werfen, indem man die alten Steinhäufen mit neuen überlagerte, die dadurch noch unentwirrbarer wurden.  Um 1887-8 wurde das Kirchenschiff bis zum Sockel der Mauern freigelegt, und bevor man die Forschung des antiken Bodens vorantreiben konnte, wurde es notwendig, die Trümmerhaufen, deren Gipfel schon den Rand der Mauern überragten, woanders hin zu verlegen.  Statt dieser radikalen Räumung und einer schlussendlichen Erforschung, wurden die Ausgrabungen jedoch plötzlich unterbrochen … (Vincent & Abel, op. cit., S. 4unsere Übersetzung). 

Die Ausgrabungen des Hauptmann Guillemot verursachten daher die völlige Zerstörung der archäologischen Schicht aus der Epoche der Kreuzfahrer rund um die Kirche (D. Pringle, „The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem“, Bd. 1, S. 59).

 





Foto der Ausgrabungen, 1890 von Schiffers veröffentlicht 









  1887-90 lebte Pater Louis Viallet, ehemaliger Offizier der französischen Armee, der den religiösen Namen Kleopas trug,  als Einsiedler im Haus über dem Ausgrabungsort (P. Tavardon, op. cit., Bd. 1, S. 75ff). Auf seine Initiative hin fanden die ersten Wallfahrten am Ostermontag nach Emmaus-Nikopolis statt. Die französische Wochenzeitung „Les missions  catholiques“ veröffentlichte darüber folgende  Berichte: 


Am 21. April 1889 schreibt man uns aus Jerusalem:

… (Emmaus-Nikopolis) scheint die Sympathien aller im Heiligen Land ansässigen französischen Gemeinschaften zu besitzen, denn am Ostermontag senden sie ihre Vertreter nach Amwas, um den auferstandenen Jesus, der den beiden Jüngern erschien, zu feiern. So kam es, dass fünfzehn Priester oder Ordensleute, dieses Fest letzten Montag mit einigen Pilgern und Gläubigen, die sich ihnen angeschlossen hatten, in Amwas feierten. Die alte Kirche wurde freigelegt, aber nicht wieder aufgebaut; in Erwartung dieses glücklichen Tages, der nicht lange ausbleiben kann, hat man eine kleine vorübergehende Bleibe mit einer Kapelle gebaut, wo sich jeden Tag das Wunder der, durch Jesus Christus für die beiden Jünger von Emmaus bewirkten, Wandlung erneuert. Dieser Ort befindet sich auf der Straße von Jaffa nach Jerusalem, nicht weit von Latrun … (Les missions catholiques“, 1889, S. 221unsere Übersetzung). 


Pater Cleopas


Aus Jerusalem schreibt man uns:

 Der Ostermontag war von einer doppelten Wallfahrt zu den beiden Emmaus geprägt… Die Franziskaner ordnen Emmaus einem Dorf zu, Qubeibeh genannt, welches drei Leugen weit im Nord-Westen von Jerusalem liegt  ...  Andere meinen, Emmaus in dem Dorf wiederzuerkennen, welches heute auf Arabisch den Namen Amwas trägt. Dieses Dorf liegt viel weiter weg von Jerusalem; man braucht ca. sechs Stunden, um es zu erreichen ... Pater Cleopas, der sich auf die antike Tradition sowie auf die Zeugnisse der wichtigsten modernen palästinakundigen Gelehrten, wie Clermont-Ganneau, Guérin und Vigouroux, stützt, bestätigt und bekräftigt, dass das Emmaus des heiligen Lukas sich in Amwas befindet.  Dort hat er am 7. April dieses Jahres eine große Anzahl von Pilgern, Priestern und Ordensleuten aus Jerusalem, Betlehem und Jaffa versammelt. Die Heilige Messe wurde von ihm vor dieser frommen Truppe in der von Zelttüchern überdeckten Basilika gelesen; es war das erste Mal seit den Kreuzzügen, dass unser Herr an diesem Ort, wo die glücklichen Jünger Ihn am Brechen des Brotes erkannt hatten, unter den sakramentalen Gestalten angebetet wurde. Das Besondere an dieser Wallfahrt war, dass zwei Priester des Patriarchats den Weg zu Fuß hin und zurück gingen, und somit die Versicherung des Pater Cleopas bestätigten, der behauptet hatte, zu Fuß nicht mehr als fünfeinhalb Stunden von Amwas nach Jerusalem zu brauchen. Die Gegner der Meinung dieses ausgezeichneten Paters gaben vor, es sei unmöglich, den Hin- und Rückweg von Jerusalem nach Amwas an einem Tag zu schaffen. Die Priester des Patriarchats brauchten fünfeinhalb Stunden für den Weg bergab und sechs Stunden bergauf; und noch dazu befanden sich diese beiden Priester gar nicht in der Lage der beiden Jünger Jesu; einer der beiden war schon 52 Jahre alt, sie führen seit langen Jahren ein sesshaftes Leben und hatten vor allem nicht das Glück, mit Jesus zu essen, Seine Lehre zu hören und Ihn auf wunderbare Weise in ihrem Herzen zu empfangen.(„Les missions catholiques“, 1890, S. 316-317unsere Übersetzung).

 

1890 kaufen die, von Pater Cleopas dazu aufgeforderten, französische Trappisten Howards Hotel in Latrun mit dem dazu gehörigen Land, und gründen dort ihr Kloster. Pater Cleopas wird ihr erster Oberer:

Jerusalem: Gerade ist Pater Viallet, mit Ordensnamen Marie-Cleopas, ein energischer und aufopfernder Ordensmann und alter Schüler von Saint-Cyr und Offizier unserer Armee, dabei, im Heiligen Land ein Kloster zu gründen. Dieses Kloster wird sich inmitten der Ruinen des antiken Emmaus (heute Amwas, zwischen Ramla und Jerusalem) im Schatten der Ruinen des Heiligtums erheben, wo unser Herr Jesus Christus den beiden Jüngern erschienen ist. Die Anwesenheit der Trappisten soll Palästina zu neuem Leben erwecken, ein Land, das einmal so fruchtbar war und sich mit Ernten bedeckte, würde es kultiviert („Les missions catholiques“, 1891, S. 137, unsere Übersetzung, siehe auch Paul Tavardon, op. cit., Bd. 1, S. 85 ff.).

 

  1890 wurde in Jerusalem ein Institut für Bibelforschung, die Ecole Biblique et Archéologique Francaise de Jérusalem durch die Dominikaner unter der Leitung von Pater Marie-Joseph Lagrange gegründet. Diese Gründung so wie die ihr folgende Veröffentlichung der Enzyklika „Provenditissimus Deus“ von Papst Leo XIII führten die kritischen Methoden für das Studium der Bibel in der katholischen Kirche ein, und eine neue wichtige Etappe in der wissenschaftlichen Erforschung des Heiligen Landes begann.

Die Patres Vincent und Abel,  Mitglieder der Ecole Biblique, die später wichtige Beiträge in der Erforschung der Ausgrabungsstätte von Emmaus-Nikopolis leisten würden, beschreiben ihren ersten Besuch in Latrun folgendermaßen: 

Es war an einem Abend Anfang August 1891, noch vor der Ära des Automobils und der Eisenbahn in Palästina: In einem Rausch von Licht, Lärm und exotischer Atmosphäre waren wir am selben Morgen in Jaffa an Land gegangen, genossen die Farbigkeit und die Düfte der Bazare, besuchten die Pilgerstätten, betrachteten die Antiquitäten eines liebenswürdigen Sammlers, und eroberten schließlich Plätze auf den Sitzbänken einer bescheidenen Kutsche, die in einer Anzeige vorgab, sie würde uns Jerusalem zu einer nicht zu späten Stunde erreichen lassen.  Zwischen Schlaglöchern und Staub näherte sich unser Fahrzeug den ersten Hängen der Berge, als eine Straßenkurve uns zu einem bescheidenen Gebäude führte, das sich von einer kleinen Gruppe ähnlicher Häuser inmitten neu angelegter Plantagen abhob; das Ganze wurde von einem Glockentürmchen mit einem Kreuz überragt: es war das sich in Gründung befindliche Kloster der Trappisten von Latrun. In der kurzen Zeit dieses Aufenthalts erlebten wir die Gastfreundschaft der Mönche, die seitdem nie mehr aufgehört hat die Antwort auf die schlimmste Belästigung unsererseits zu sein. Um unsere Neugier zu befriedigen, erklärte uns der freundlichste Ordensmann die, für unsere Ohren, ausgefallensten Worte. Dann erklommen wir die verlassene Anhöhe nahe der Herberge, die die Bezeichnung  „Römerlager“ trug, und unser Führer deutete mit dem Finger, einige hundert Meter  entfernt, auf die arabischen Hütten von Amwas – die orientalische Bezeichnung für Emmaus –  und vor dem Dorf auf den Umriss der Apsis einer Kirche, die aus einem Ruinenhaufen ragte. „Man hat hier mit Ausgrabungen begonnen, die aber zur Zeit unterbrochen worden sind“, informierte uns kurz und bündig unser Führer. Es war die strahlende Stunde, wenn die Sonne, bevor sie untergeht, Fetzen, Steine und Ruinen in Gold taucht. Die majestätische Silhouette der abgerissenen Kirche bezauberte uns ( … ) Aber schon schwankte das Fahrzeug,  dabei, mit Mühe, zur Heiligen Stadt hinaufzufahren. Wir brauchten nicht lange um herauszubekommen, dass es da ein Problem Emmaus gab … (Vincent & Abel, op.cit., S.  VII-VIII, unsere Übersetzung).

 

 

1891 gründen die Trappisten von Latrun eine Knabenschule und eine Krankenstation die auch den Einwohnern von Amwas dienen (siehe P. Tavardon, op.cit., S. 194-195).

1892 wird eine Eisenbahnstrecke zwischen Jaffa und Jerusalem in Betrieb genommen, was bedeutet, dass weniger Reisende mit der Postkutsche durch Latrun und Amwas kommen. 

 




Dorfbewohnerinnen von Amwas am Brunnen (Ende des 19. Jahrhunderts)




Der französische Forscher Pater Joseph Germer-Durand liefert uns in seinem, 1897 im Magazin „Echos de Notre-Dame“ (Januar 1897, S. 2-19), veröffentlichten Artikel „Von Jerusalem nach Emmaus“ folgende Informationen:

Die Stadt Nikopolis stand westlich der Basilika gegenüber auf einem Hügel. Die Kirche befand sich in einem Vorort, der durch eine Brücke mit der Stadt verbunden war.  Das heutige Dorf von Amwas nimmt nur einen kleinen Teil der alten Stadt ein. Man braucht nur einen Meter in den Boden  zu graben, um Ruinen von Häusern aus schönen, zueinander passenden Steinen zu finden, und das über eine große Fläche hinweg! Wenn die Dorfbewohner etwas bauen wollen, brauchen sie nicht weit zu gehen, um ganz nahe schöne Baumaterialien zu finden: sie handeln sogar gelegentlich damit. (Unsere Übersetzung, der Original-Text ist hier zu finden)







Foto der Ausgrabungen, veröffentlicht von Pater Germer-Durand










So entdeckt man im Oktober 1890 in Amwas einen zweiten Stein mit einer samaritanischen Inschrift (siehe Artikel von M.-J. Lagrange in der „Revue Biblique“ von 1893, S. 114 ff.). Im April 1896 findet man in Amwas auf einem Stein eine dritte samaritanische Inschrift („Revue Biblique“, 1896, S. 433-434, siehe hier).  






Samaritanische Inschrift, die 1890 in Amwas entdeckt wurde
 (befindet sich in Bethlehem in der Sammlung der Väter von Betharram)




Im selben Jahr 1896 entdeckt man ein jüdisches Amulett (ein sehr feines Silberblatt mit Zeichnungen und einer aramäischen Inschrift) in einem der antiken Gräber von Amwas. Pater Vincent ordnet dieses Amulett dem 3. Jh. n. Chr. zu (L.-H. Vincent, „Amulette judéo-araméenne“, RB 1908, S. 382 ff., siehe hier).



 Grab in der Nähe von Amwas 
 („Revue Biblique“, 1899)












Schon fünfzehn Jahre vorher entdeckte Clermont-Ganneau den ersten Grabstein eines Soldaten der  V. mazedonischen Legion in der Gegend von Amwas (siehe oben). 1897 findet man einen anderen Stein dieser Art auf dem Hügel des „Römerlagers“ nahe Latrun (siehe M.-J. Lagrange, „Les Nouvelles des Jérusalem“ in der „Revue Biblique von 1897, S. 131, siehe hier). Dem Autor des Artikels zufolge bestätigt der Fund, dass Vespasian sein Lager 68-70 n. Chr. in Amwas errichtete (Flavius Josephus, „Jüdischer Krieg“, 4, 8, 1 und 5, 1, 6). Der von Lagrange beschriebene Stein wird heute im Franziskanerkloster der Flagellation in der Altstadt von Jerusalem aufbewahrt. 1898 entdeckt man noch einen ähnlichen Stein: siehe: Etienne Michon, „Inscription d’Amwas“ in der „Revue Biblique“, 1898, S. 269, siehe hier (Der Stein befindet sich heute  im Hecht-Museum von Haifa). –siehe: die Römische Epoche.

 


Grabstein eines römischen Legionärs,  entdeckt 1897 in der Nähe von Amwas . Foto: B. Bagatti, „Guida al museo della Flagellazione in Gerusalemme“, Jerusalem, 1939





1897 entdeckt man in Madaba, in Transjordanien, eine Mosaikkarte des Heiligen Landes aus dem 6. Jh. n. Chr., auf der die Stadt Nikopolis dargestellt ist.



 

1899 beginnt in Abu Gosch die Restaurierung der Kreuzfahrerkirche, deren Besitz 1873 von den Osmanen auf Frankreich übergegangen war (siehe oben). Die Benediktinermönche der Abtei von Pierre-qui-Vire kommen, um sich dort einzurichten (siehe „Abu-Gosh“, éditions du Gulf Stream, 1995, S. 12). So entsteht im Heiligen Land ein dritter Wallfahrtsort von  Emmaus.

 

1902 veröffentlicht der Franziskaner Barnabé Meistermann (Barnabé d‘Alsace) eine Forschung über Emmaus-Nikopolis, in der er, wie J.-B. Guillemot, die Meinung vertritt, das Gebäude der Basilika in Amwas ginge auf die römische Epoche zurück. Meistermann behauptet, vor dem 5. Jh. wären keine Kirchen mit 3 Apsiden gebaut worden, und versucht zu beweisen, dass die Basilika von Amwas ursprünglich als Therme gedient hätte, bevor sie während der byzantinischen Epoche in eine Kirche umgewandelt worden sei. (B. Meistermann, „Deux questions d’archéologie palestinienne“, Jerusalem, 1902, der vollständige Text ist hier zu finden; siehe auch die deutsche Rezension dieses Buches durch Immauel Benzinger: ZDPV, aus dem Jahr 1902, S. 195 -203, siehe hier).

Pater Barnabé Meistermann



Plan der Ausgrabungen veröffentlicht  von Pater Meistermann im Jahre 1902 










Plan der Taufkapelle veröffentlicht  von Pater Meistermann 




Skizze von Mosaikmustern vor der Taufkapelle, veröffentlicht von Pater Meistermann







Meistermanns Theorie wird von Pater L.-H. Vincent von der Ecole Biblique kritisiert, siehe: „Les ruines d’Amwas“ („Revue Biblique“,  1903, S. 571-599, siehe hier), der eine detaillierte Beschreibung der Ruinen der Kirche bietet und beweist, dass Meistermann eine irrige Interpretation der archäologischen Gegebenheiten anführt. In Erwartung neuer archäologischer Ausgrabungen weigert sich Pater Vincent, eine genaue Datierung des Gebäudes der Basilika anzugeben. Trotzdem vertritt er die Meinung, dass die Ruinen von Amwas „zu einer christlichen Basilika aus der byzantinischen Epoche gehören, die von den Franken in der Kreuzfahrerzeit restauriert wurde“ (S. 599).

                                                                                                                                                                                                           




Fotos, veröffentlicht von Pater Vincent in „Revue Biblique“, im Jahr 1903






1906-07 bauen die Trappisten eine Mühle in Latrun (P. Tavardon, op. cit., S. 244-245), fördern die Landwirtschaft und verbessern damit auch die Lebenssituation der Dorfbewohner von Amwas.


1911 finden wir die erste Anmerkung über ein Hypokaustum römischer Thermen, welches in einem Privatgarten im nordwestlichen  Teil von Amwas entdeckt wurde („Revue Biblique“, 1911, S. 159, siehe hier). Das Foto dieses Hypokaustums wurde 1929  in der „Revue Biblique“, S. 430) veröffentlicht. 
















 

1912 beschreibt Pater Louis Heidet das Dorf von Amwas  im Detail:

Heute ist Amwas ein Dorf von fast fünfhundert Einwohnern, alle Muslime. Bestehend aus mit groben Baustoffen gebauten Häusern, unterscheidet es sich in seinem Aussehen kaum von den ärmlichsten Dörfern im Lande. Hie und da kann der Besucher jedoch in den Mauern der Häuser mit Sorgfalt behauene Steine bemerken, die groß und schön aussehen; sie sind den Ruinen entnommen, die das Plateau und die Hänge der Hügel bedecken, auf denen sich das Dorf erhebt. Überall stößt die Hacke auf ebenmäßig  behauene Steine von sechzig bis achtzig Zentimetern Breite – oder sogar noch größer – die auf dem Boden verstreut herumliegen: Schäfte von Säulen, marmorne Kapitelle, und Fundamente groß angelegter Bauten. Die zahlreichen Zisternen sind mit Trümmern angefüllt. Unlängst haben die Einwohner Reste einer römischen Badeanlage entdeckt. Man hat hier einige griechische, lateinische und hebräisch-samaritanische Inschriften gefunden; mehrere von ihnen wurden in der „Revue Biblique“ veröffentlicht. ( … ) Der Umfang der Ruinen misst mehr als zwei Kilometer; das heutige Dorf nimmt höchstens ein Sechstel davon ein; der Rest des Ortes ist von Feigen-, Granatapfel- und Kakteenplantagen bedeckt. Ein ehemaliger, französischer Hauptmann der Genietruppen, J.-B. Guillemot glaubt darin die Spuren einer alten Stadtmauer entdeckt zu haben. Fünfhundert Schritte im Süden dieser Ruinen, sieht man am Fuße des Berges die Überreste einer römischen Basilika. ( … Es folgt die Beschreibung der Ruinen der Basilika … ) Man kann an der Apsis der Kirche verschiedene, in den Felsen gehauene, Gräber sehen. Einige von ihnen enthielten zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung Ossuarien in Form von kleinen Sarkophagen, die man so oft in jüdischen Gräbern findet und die vom Anfang der christlichen Ära stammen.  Auf den letzten Berghängen, deren eingeschnittene Flanke der Kirche Platz gemacht hat, liegen zahlreiche, von Menschenhand behauene, Steine verstreut; man begegnet dort noch Fundamenten von Wohngebäuden sowie Öl- und Weinpressen: all dies zeugt von einer Siedlung, die zweifellos aus der gleichen Epoche wie die oben genannten Gräbern stammt.

  Bei dem vor der Kirche liegenden „Trivium“, welches durch das Zusammenkommen dreier antiker Straßen von Eleutheropolis, von Gazer und von Jerusalem über Kariat-Jearim gebildet wird, endet ein Kanal. Dieser läuft um Latrun herum und verliert sich nach dreitausendsiebenhundert Metern, nicht weit vom Weg nach Jerusalem, am südlichen Fuße des Ras-el Aqed. Die Quelle, die ihn gespeist hat, ist verschwunden... Zweihundertfünfzig Schritte von der Kirche und im Süden des Dorfes gibt es zwei große und unerschöpfliche Brunnen mit lebendigem Wasser, fünfzig Fuß voneinander entfernt. Gegen Ende des Sommers, wenn es fast allerorts an Wasser mangelt, kommen die Hirten noch von überall her, um dort ihre zahlreichen Schaf-, Ziegen-, Kuh- und Ochsenherden zu tränken. Ein wenig weiter unten,  zeigen die Dorfbewohner einen anderen mit Erde gefüllten Brunnen her: sie nennen ihn Bîr-et-Ta’un, „Pestbrunnen“, denn sie sagen, dass von diesem Brunnen einmal die Pest ausging, die das Land heimsuchte. Im Norden entspringen zwei klare Quellen von zwei Seiten des Tales her, welches sich unter den Ruinen des Dorfes befindet. Das Wasser jener Quellen vereinigt sich in einem Bach, der sich weit entfernt in der Landschaft verliert. Eine der Quellen wird ‘Ain- el-Hammâm, „Bäderquelle“ genannt, vielleicht, weil sie einmal die Bäder der Stadt gespeist hat. Gleich daneben verlief ein Kanal, der deren Wasser zu verschmähen schien, um weiter im Osten andere Gewässer in sich aufzunehmen. Waren es die von der Quelle von Ain-el-Aqed, die so ergiebig ist, und sich am Fuße des Gipfels gleichen Namens einen Kilometer von Ain-el-Hammâm entfernt befindet, oder die einer vierten, heute ausgetrockneten Quelle? Dieser Kanal, der sich verliert, führt uns nicht mehr zu seinem Ursprung. 

  Fünfhundert Schritte südlich von der Kirche, befindet sich ein Sumpf, aus dem das ganze Jahr hindurch große Gräser wachsen. Es muss an diesem Ort eine oder mehrere Quellen geben, die durch die von den benachbarten Hügeln abgerutschte Erde verschüttet sind. Ein wenig weiter gegen Süden gießen zwei Schöpfräder, von denen eines über einem alten Brunnen gebaut ist, den ganzen Tag lang Sturzbäche von Wasser. Damit bewässern die Trappisten, die am Hügel von Latrun wohnen, ihren weitläufigen Garten und ihre Bananenplantagen und andere Obstbäume. Im Osten von Latrun bilden die Brunnen von Bir-al-Helu, Bir-el-Qasab und Bir-Ajub, drei oder vierhundert Schritte voneinander entfernt, eine Reihe entlang der modernen Straße und bieten ihr Wasser den Reisenden und unzähligen, aus der Philisterebene kommenden, Kamelkarawanen an. Wenn auch dem Zeugnis der Geschichte und den Aussagen der Bewohner des Landes nach mehrere Quellen verschwunden sind, bleibt Amwas nichtsdestoweniger ein einzigartiger Ort in der ganzen Gegend des antiken Judäas und sogar Samariens, auf Grund der Anzahl seiner Brunnen und seines Überflusses von Wasser (L. Heidet, „Emmaus“, Artikel, veröffentlicht in: F. Vigouroux, „ Dictionnaire de la Bible“, Paris, 1912, Bd. 2, S. 1743-1745, unsere Übersetzung, der Original-Text is hier zu finden).

Amwas am Anfang des 20. Jh. (Matson collection)








1913 wurde in einem Feld westlich von Amwas ein Stein entdeckt, der eine unvollständige Inschrift auf Griechisch trägt. Pater Paul Couvreur, von der Abtei von Latrun, stellt einen Bezug zwischen diesem Stein und einem anderen Fragment her, welches dreißig Jahre früher in derselben Gegend gefunden wurde, und rekonstruiert die griechische  Inschrift: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, schön ist die Stadt der Christen“ (siehe „Revue Biblique“, 1894, S. 255, siehe hier und „Revue Biblique“, 1913, S. 100, siehe hier).


Das Original der Inschrift befindet sich in Jerusalem im Museum von der Kirche von St Anna

 

Während des Ersten Weltkrieges (1914-1917) sind Einheiten der osmanischen Armee in der Abtei von Latrun und in den Ruinen von Amwas stationiert. Die Mönche von Latrun deutscher Herkunft werden in die Armee eingezogen, während diejenigen französischer Nationalität des Landes verwiesen werden (P. Tavardon, op. cit., Bd. 1, S. 285-298). Die türkischen Soldaten verursachen beträchtliche Schäden sowohl am  Kloster von Latrun als auch an den Ruinen von Amwas. Der obere Teil des byzantinischen Taufbeckens sowie die Chorschranke der Kreuzfahrerkirche werden völlig zerstört. Die von den Türken im Inneren der Ruinen entzündeten Feuer schwärzen die byzantinische Apsis und die Mauern der mittelalterlichen Kirche (Vincent & Abel, op. cit., S. 114, 142).





Osmanischer Offizier

 



Ab Januar 1917 beginnen die Briten einen Feldzug um die Kontrolle über Palästina zu ergreifen. Im Zuge ihres Vorrückens in Richtung Jerusalem nimmt die 232igste Brigade der 75igsten Division der britischen Armee am 19. November 1917 Latrun und Amwas ein (P. Tavardon, op. cit., S. 316).


Fotos von Amwas aufgenommen während des Ersten Weltkriegs  von einem deutschen Aufklärungsflugzeug aus

 Quelle: Bayerisches Hauptstaatsarchiv