2. Warum steht in der Bibel geschrieben, dass Emmaus „sechzig Stadien (ca. 12 km) von Jerusalem entfernt ist“, wo doch Emmaus-Nikopolis 160 Stadien (ca. 30 km) weit von Jerusalem entfernt liegt?

  Die Tatsache, dass Nikopolis seit antiker Zeit von Christen als das Emmaus des neuen Testamentes verehrt wurde, wird von Manuskripten des Evangeliums des heiligen Lukas von hoher Qualität bestätigt, die die Entfernung von ungefähr einhundert und sechzig Stadien (30 km) zwischen Emmaus und Jerusalem bestätigen: das Unziale (in Großbuchstaben) qualitätsvolle Manuskripte: א (Codex Sinaiticus), Θ, N, K, Π, 079 und in Minuskelhandschriften: 157, 265, 1079, 1604, 1219, 1223, sowohl als auch alten Übersetzungen ins Lateinische (einige Manuskripte des Vetus Latina, Manuskripten hoher Qualität der Vulgata), auf Aramäisch (palästinensisches Evangeliarium) und aramäischen Sprachen. 




Codex Sinaiticus, Lukasevangelium, 23-24


  Die meisten antiken Manuskripte des Evangeliums von Lukas, die überlebt haben, bestätigen die Entfernung von sechzig Stadien (12 km) zwischen Jerusalem und Emmaus, weshalb auch heute gedruckte Bibeln diese besondere Version übernommen haben. Jedoch kann die Quantität von Manuskripten kein entscheidendes Argument hinsichtlich dieser Frage sein. Eines der Prinzipien des kritischen Studiums antiker Texte ist es, die schwierigere Version des Textes, als die authentische zu nehmen. In unserem Fall kann es angenommen werden, dass die Kopisten des Evangeliums das Wort „hundert“ entfernt haben, um das Verständnis der Geschichte zu erleichtern: Kleopas und sein Gefährte waren ihren Weg von Jerusalem nach Emmaus gegangen, und hatten den auferstandenen Jesus am Brotbrechen erkannt, und kehren nach Jerusalem zurück. Es ist leichter, sich vorzustellen, dass sie 24, statt 60 km in einem einzigen Tag zurücklegten, umso mehr, als sie auf dem Rückweg den Berg hinaufsteigen mussten! Obwohl das Evangelium des Lukas selbst nicht bestätigt, dass sie den ganzen Weg am selben Tag zurücklegten, kann man vom Vergleich mit dem Evangelium des Johannes 20, 19-23 ableiten, dass die Jünger am selben Tag, am Abend des Ostertages, vor der ersten Erscheinung Jesu Christi an die Gruppe der Apostel, Jerusalem erreichten. Indem sie die Entfernung auf 60 Stadien (12km) herabsetzten, bemühten sich die Kopisten des Evangeliums nach Lukas eine Beziehung zwischen den beiden Evangelien herzustellen. Ein Beweis, dass da wirklich eine Tendenz bestand, das Lesen von „60 Stadien“ aufzudrängen, ist, dass in zwei der unzialen und dreien der Minuskelhandschriften  (die oben angeführt wurden), die die Distanz von 160 Stadien bestätigen, das Wort „hundert“ weggekratzt wurde, um es zu entfernen.



Dasselbe gilt für die Vulgata (die lateinische Übersetzung der Bibel des heiligen Hieronymus, die er im 4.-5. Jh. n. Chr. erstellte). Von den Werken des Hieronymus wissen wir, dass er, wie andere Kirchenväter auch, Emmaus-Nikopolis für das Emmaus des Neuen Testamentes hielt (siehe die byzantinische Epoche). Wir können daher also sicher sein, dass Hieronymus die Version der 160 Stadien in seine Übersetzung des Evangeliums von Lukas einfügte, wie es in den besten und ältesten Manuskripten der Vulgata erscheint: F, O*, Y; EP, G. Auf Grund der Bemühungen der Kopisten enthalten die meisten, der noch vorhandenen Manuskripte der Vulgata die Version von 60 Stadien.

Man beachte, dass die Version der 60 Stadien der antiken jüdischen Tradition entgegengesetzt ist, die nur ein Dorf namens Emmaus in der Nachbarschaft Jerusalems kennt (bei dem Tal Ajalon, ungefähr 30 km von Jerusalem). Diese Version widerspricht auch dem Zeugnis der Kirchenväter, Eusebius von Cäsaräa, dem heiligen Hieronymus und dem anderer Autoren aus der byzantinischen Zeit, die das Emmaus aus dem Neuen Testament mit Emmaus-Nikopolis gleichsetzen, und auch der antiken Wallfahrer-Tradition nach Emmaus Nikopolis (siehe: die römische und die byzantinische Epoche).

Hl. Hieronymus


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