6. Warum sagt man, Emmaus-Nikopolis sei von Origenes fälschlicherweise als das Emmaus des Neuen Testamentes bezeichnet worden, dass er die Version von 160 Stadien in die Manuskripte des Lukasevangeliums eingeführt hat, und dass Eusebius von Cäsaräa und der heilige Hieronymus ihm in diesem Irrtum gefolgt seien („Onomastikon“ von Eusebius, von Hieronymus ins Lateinische übersetzt)?

In der Minuskelhandschrift Nr. 194 des Lukasevangeliums, welche die Version von 60 Stadien hat, steht 

auf Griechisch die folgende Anmerkung am Seitenrand von Vers 13 des 24. Kapitels: „Man sollte lesen „einhundert und sechzig“; denn dies ist es, was in den exakten Texten steht, und in der Bestätigung der Wahrheit durch Origenes.“ (Die Minuskelhandschrift Nr. 34 hat die gleiche Anmerkung, aber ohne den Namen des Origenes): Wegen dieser Anmerkung, haben einige Autoren (M.-J. Lagrange, „Commentaire de L‘Evangile de Luc“; Paris, 1921, S. 617; Meistermann, „Guide de la Terre Sainte“; 1923, S. 14) diese Korrektur von Lk 24, 13 (den Zusatz des Wortes „hekaton“ („einhundert“) dem Origenes zugeschrieben, der im 3. Jh. n. Chr. im Heiligen Land lebte. Sie behaupten, dass er es auf Grund einer lokalen Tradition getan hatte, die Nikopolis für das Emmaus des Neuen Testamentes hielt.

Origenes

Diese Hypothese jedoch erklärt weder den Ursprung dieser Tradition, noch die Beharrlichkeit, mit der die Christen des Heiligen Landes ihr seit alten Zeiten gefolgt waren (schon seit dem 3. Jh. n. Chr.!). Andererseits, ist der Kommentar des Origenes zum Lukasevangelium, welcher die Sache hätte lösen können, verloren, und eine anonyme Anmerkung am Seitenrand des Manuskripts Nr. 194 ist nicht Grund genug, Origenes die Einführung einer Korrektur, die am Text des Evangeliums gemacht wurde, zuzuschreiben. Man beachte auch, dass diese Hypothese zu einer Zeit vorgebracht wurde, als alle Manuskripte, welche die 160 Stadien enthielten, palästinensischen Ursprungs galten, während die Version der 60 Stadien als „westlich“ galt. Heute gibt es einen anderen Zugang zur Klassifikation der Manuskripte, und es ist deutlich, dass die Variante der 160 Stadien auf verschiedene geographische Gebiete zurückgeht (siehe Bruce Metzger, „The Text of the New Testament“, N.Y. -Oxford,  2005, Seiten 62-84, 305-313, über die Manuskripte; א, K, N, Θ, Π die die Variante der 160 Stadien aufweisen).



Sogar wenn man annimmt, dass die ursprüngliche Version des Evangeliums eine Entfernung von 60 Stadien aufweist, und dass die Version von 160 eine spätere Korrektur ist, besteht kein Grund, zu glauben, dass da im ersten Jh. n. Chr. wirklich ein Dorf namens Emmaus 60 Stadien entfernt von Jerusalem existiert hat. Lukas hätte sich irren können. Zum Beispiel wird in Lukas 17, 11 ausgesagt, dass Jesus, als er nach Jerusalem ging, durch Samaria und Galiläa kam (man sollte sagen durch Galiläa und Samaria), und Lukas 5, 19 erwähnt ein mit Ziegeln gedecktes Dach, obwohl es keine solchen Dächer auf jüdischen Häusern in Palästina gab. Vergleiche zum Beispiel die Tatsache, dass alle bekannten Manuskripte des zweiten Buches der Makkabäer irrtümlicherweise die Entfernung von 240 Stadien (ca. 48 km) zwischen Jerusalem und dem Hafen von Jamnia (Jawne) angeben, während sie in Wirklichkeit ungefähr 340 Stadien (68 km) gleichkommt.

Die wichtigsten heiligen Orte in Palästina wurden seit römischer Zeit von den lokalen Christen verehrt. Emmaus-Nikopolis gehört zur ältesten christlichen Überlieferung des Heiligen Landes und wurde von Eusebius Ende 3. Jh. -Anfang 4. Jh. (siehe T. D. Barnes, „The Composition of Eusebius' Onomasticon“, JThS 26 (1975), S. 412-415) und möglicherweise schon Anfang  3. Jh. durch Origenes identifiziert. Ihre Identifikation von Emmaus entspricht auch der jüdischen Überlieferung, die kein anderes Emmaus im Gebiet von Jerusalem kennt, als dasjenige im Tal Ajalon.

 


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